Ausbrechen

13.07.2025 - 12 min

Ich merke immer wieder, dass für mich 100% viel einfacher sind, als Ausnahmen zuzulassen.

Ich habe zuerst geschrieben, dass ich viel lieber ein Verhältnis von 80:20 hätte. Das stimmt aber nicht. Das habe ich irgendwo aufgeschnappt und halte es für den heiligen Gral.

Ich mag Routinen, Struktur, feste Abläufe und Systeme. Es macht mir das Leben leichter. Ich muss nicht immer wieder dieselben Entscheidungen treffen. Ich finde einen optimalen Weg für meine aktuelle Situation und bleibe dabei.

Es ist aber entscheidend, dass ich sie festlege und ich nicht das Gefühl habe, dass sie mir aufgezwungen werden.

Ich merke allerdings, dass sich mein Fokus ändert. Ich möchte ich selbst sein. Ich möchte meine Gedanken und Ideen teilen. Ich möchte das aussprechen, was mich beschäftigt, auch wenn es nicht die populäre Meinung ist.

Ich möchte nicht mehr von den Meinungen anderer anhängig sein.

Ich denke in letzter Zeit öfter darüber nach, dass das, was uns hierher gebracht hat nicht zwangsläufig das ist, was uns weiterbringt.

Mein System hat mir gut gedient und mich an den Punkt gebracht, an dem ich jetzt bin. Ich habe einiges erreicht. Ich merke aber, dass etwas fehlt.

Ich habe das Gefühl, dass sich grundlegend etwas in meinem Inneren verändert.

Ein Wechsel von der Jagd danach gut genug zu sein, alles für die Erwartungen anderer zu tun, zu einem authentischen Leben. In dem ich das tue, was ich möchte. In dem ich mich selbst akzeptiere und wirklich kennenlerne.

Zumindest hoffe ich, dass die Reise dahingeht. Ich bin noch nicht da und befinde mich gerade in einer Phase des Übergangs. Als hätte ich den Boden unter den Füßen verloren. Ich fühle mich verloren und teilweise verzweifelt, weil ich nicht weiß, was mit mir passiert.

Es ist aber auch aufregend und spannend immer wieder neue Dinge über mich selbst zu erfahren und zu erkennen.

Ich bin auf der Suche, weiß aber nicht wonach und irgendwie doch. Ich frage mich, ob ich wirklich das möchte, was ich mir wünsche.

Das, was vorher funktioniert hat, ist jetzt nicht die Lösung und hilft mir nicht weiter. Es steht mir teilweise sogar im Weg.

Ich habe vor ein paar Tagen einen Podcast von Chris Williamson und Alex Hormozi angefangen. Sie sprechen dort auch von einer ähnlichen Wandlung.

Für sie steht Erfolg nicht mehr an erster Stelle, sondern sie erkennen, das, was ihnen wirklich wichtig ist und nehmen sich jetzt die Zeit dafür.

Sie wollten erfolgreich werden, um ein gutes Leben zu führen und die Dinge tun zu können, die sie wirklich tun wollen.

Für Alex ist es mit einem Freund zu trainieren, mit Freunden zu essen und zu schreiben. Das, was er wirklich tun wollte, ist zu kurz gekommen, weil er immer gearbeitet hat.

Irgendwann hat er sich gefragt, wozu er das ganze Geld hat, wenn er nicht mal das tun kann. Daraufhin hat er die Entscheidung getroffen sich beim Training nicht mehr hetzen zu lassen. Es dauert so lange, wie es eben dauert. Seine Prioritäten haben sich geändert.

Sie haben aber auch angemerkt, dass wir diesen Punkt alle selbst finden müssen und es nicht reicht, wenn es uns jemand erzählt. Wir können die Stufe also nicht einfach überspringen.

Die Zeit, die wir hier verbringen, bis wir es gemerkt haben, ist aber für alle sehr individuell.

Das Ziel ist glücklich zu sein.

Das verlieren wir oft bei unserem Streben nach immer mehr aus den Augen. Wir opfern das, was wir wollen für das, von dem wir glauben, dass es und genau das bringt.

Die Kennzahlen werden wichtiger als das Empfinden und wir fangen an uns immer weiter davon zu entfernen, je mehr wir auf die Kennzahlen optimieren.

Wir vergessen, dass wir es nicht tun, um irgendwelche willkürlichen Zahlen zu erreichen, sondern weil wir glücklich sein wollen.

Wenn wir es in einer mathematischen Gleichung aufschreiben würden, könnten wir es herauskürzen und wären am Ziel. Es ist aber sehr schwer das zu erkennen.

Sie haben von einem Trainer gesprochen, der zu einem Manager befördert wurde. Nach ein paar Monaten hat er gesagt, dass ihm der Job nicht gefällt und er trotz halbiertem Gehalt wieder lieber Trainer sein möchte. Er möchte das tun, was ihn glücklich macht.

Alex konnte das nicht verstehen, hat aber zugegeben, dass der Trainer hat das Spiel des Lebens gewonnen. Er hat seine Ziellinie erreicht, während viele von uns noch Rennen, obwohl unsere Kennzahlen viel besser aussehen.

Das Ziel ist zum Greifen nah und wir müssten nur stehenbleiben. Das zu erkennen ist aber unverhältnismäßig schwer.

Komm nicht mit einem Messer zu einer Schießerei.

Vielleicht ziehen wir an den falschen Hebeln. Ich weiß, dass Geld, Ruhm und Macht nicht die Lösung sind. Ich glaube es mir aber selbst nicht wirklich.

Insbesondere das Geld ist ein Thema bei mir. Ich habe mir irgendwann in den Kopf gesetzt, dass der Spaß vorbei ist, wenn ich erwachsen bin und alles nur noch ernst ist.

Mir ist wieder eingefallen, dass Ich mich deshalb entschieden 10-15 Jahre meines Lebens zu opfern und alles dafür zu tun, so schnell wie möglich finanziell unabhängig zu werden, damit ich wieder Spaß haben kann.

Ich wollte die Phase des Erwachsenseins so schnell wie möglich hinter mich bringen.

Damit ich wieder Kind sein kann. Unbeschwert und frei.

Die Annahme war, dass ich erst glücklich bin, wenn ich genug Geld habe und somit sorgenfrei bin. Das bedeutet aber auch, dass ich bis dahin nicht glücklich sein kann.

Dadurch regiert Geld mein Leben und ich bin von ihm abhängig. Ich tue alles, um mehr zu bekommen, mich endlich sicher zu fühlen und glücklich sein zu können. Das zu tun, was ich vorher gemacht habe. Spaß zu haben und ein Leben im Hier und Jetzt in Leichtigkeit ohne Sorgen und Zweifel zu führen.

Ich möchte die finanzielle Unabhängigkeit erzwingen. So schnell wie möglich, um jeden Preis.

Ich merke beim Schreiben, wie sehr ich bei diesem Gedanken verkrampfe.

Alles dreht sich ums Geld und Produktivität. Ich halte mich fit und ernähre mich gut, damit ich leistungsfähiger bin. Ich strukturiere meinen Tag, um mehr zu schaffen.

Alles ist auf Leistung ausgelegt.

Ich fühle mich aber immer öfter erschöpft und müde. Als würde ich ins Leere treten. Ich komme nicht mehr von der Stelle. Ich schleppe mich durch den Tag.

Die Motivation lässt nach. Es ist ein immer größerer Kampf mich aufzuraffen. Ich kämpfe gegen mich selbst. Meine Intuition zeigt mir immer deutlicher, dass es so nicht mehr weitergeht.

Der Reiz des Mehr hat seinen Glanz verloren. Stattdessen sehe ich es immer mehr als Fluch. Das Streben nach mehr Geld wird immer mehr zur Qual. Etwas, das ich tun muss.

Dabei zwingt mich niemand dazu. Ich habe den Weg eingeschlagen und kann ihn jederzeit wieder verlassen.

Es fällt mir aber schwer das zu akzeptieren, obwohl es mir, wahrscheinlich schon lange, klar ist.

Ich bin auch hier im Schwarz-Weiß-Denken gefangen. Es gibt in meinem Kopf nur Arbeiten oder (finanzielle) Freiheit. Alles dazwischen fühlt sich nach leerem Raum an. Als gäbe es dort nichts. Nichts, das ich tun könnte.

Das Problem ist aber, dass das keine nachhaltige Lösung ist. Ich bin sehr diszipliniert und mache nur wenige Ausnahmen. Sobald ich aber eine mache, habe ich das Gefühl, das alles zusammenbricht.

Aus einer einmaligen Sache wird etwas Regelmäßiges. Damit reiße ich dann das ein, was ich aufgebaut habe, und fange wieder von vorne an.

Als würde ich Amoklaufen, weil ich nicht weiß, wann ich die nächste Gelegenheit bekomme, wieder frei zu sein. Ich brache aus meinem Gefängnis aus und nutze ich meine Zeit komplett aus.

Nach jedem Durchgang ziehe ich die Fesseln enger, damit ich dieses Mal nicht scheitere und Erfolg habe. Ich möchte es mit aller Macht durchziehen.

Dabei weiß ich, dass ich meine Ziele viel einfacher erreichen kann, wenn ich mit Freude an die Sache heran gehe.

Wenn wir etwas unbedingt haben wollen und es erzwingen stoßen wir es von uns weg und es wird immer schwieriger es zu erreichen.

Mir wird aber gerade klar, dass es nicht wirklich an der Technik, sondern an meiner Perspektive liegt.

Diese Schwierigkeiten treten nur in bestimmten Phasen auf.

Es gefällt mir Klarheit zu haben und genau zu wissen, was zu tun ist. Einen Plan zu haben, der mich durch den Tag führt. Es gibt mir Sicherheit und ein Fundament, von dem aus ich arbeiten kann. Stabilität. Es ist für mich eine Form der Freiheit.

Ich probiere viel aus und finde Wege, die für mich funktionieren. Darauf lege ich mich dann fest. Wichtig ist, dass es meine freie Entscheidung ist. Dann fällt es mir leicht es umzusetzen und ich fühle mich gut dabei.

Für viele sieht das nicht nach Freiheit aus. Ich fühle mich damit aber in der Regel sehr gut.

Das Problem ist, wenn ich anfange mich nur noch auf die Ergebnisse zu konzentrieren und sie zu erzwingen. Wenn ich das Gefühl habe weglaufen zu müssen und verzweifelt nach einem Ausweg suche. Ich gerate dann in einen Panikmodus und übertreibe es.

Ich sehe rot. Wie der Stier beim Stierkampf lasse ich mich von dem Tuch ablenken und reibe mich auf.

Das geschieht, sobald ich die Klarheit verliere. Wenn alles Durcheinander gerät. Ich fühle mich überfordert und weiß nicht weiter. Ich weiche dann vom Plan ab und dadurch steigt das Chaos, was zu mehr Panik führt.

Ich höre auf zu schreiben und zu planen. Das, was mir die Stabilität gibt. Was mir hilft Ordnung zu schaffen.

Dann wird aus Spaß, Lockerheit und Freude, Zwang und Kontrolle. Aus "ich möchte" wird "ich muss".

Das, was vorher funktioniert hat fühlt sich plötzlich wie ein Gefängnis an. Ich suche verzweifelt nach einer Lösung und lasse mir einreden, dass das, was ich tue, nicht richtig ist und ich alles anders machen sollte.

Genau bei dieser mentalen Umstellung taucht das Problem auf. Ich rebelliere gegen mich selbst. Ich möchte nicht herumkommandiert werden. Ich treffe Entscheidungen aus Trotz. Wie ein kleines Kind.

Ich sabotiere mich selbst, um mir zu zeigen, wie sehr es mir missfällt. Mir soll klar werden, was für ein schlechter Boss ich bin.

Die Welt sieht völlig anders aus. Sie wirkt eingeschränkt und dunkel. Ich fühle mich verkrampft, gefangen und fremdbestimmt.

Ich laufe auf einem anderen Treibstoff. Aus Liebe wird Angst.

Ich sehe überall Gefahr und Angriffe, vor denen ich mich schützen muss. Ich fasse alles als Kritik auf und fühle mich allein.

Ich sehe mich in einem engen Keller mit niedriger Decke. Es ist dunkel und wenig Raum, um mich zu entfalten.

Wenn ich den Schalter umlege, stürzen die Wände ein und ich stehe auf einer großen Wiese. Unendlich viel Platz, blauer Himmel und viel Natur. Es ist extrem hell mit gleißenden Farben. Das Leben in seiner vollen Pracht.

Ich fühle mich frei und offen.

Ich habe Ideen und finde einfacher Lösungen. Ich sehe wieder überall Potenzial und Möglichkeiten.

Wenn es mir gelingt aus diesem Modus auszubrechen, mache ich die gleichen Dinge, dann mache ich es aber wieder gerne, weil ich das Gefühl habe mich dafür entschieden zu haben.

Ich kann das Bild des Kellers dazu nutzen, um zu erkennen, dass ich mich gerade in einem anderen Modus befinde. Der Drang weglaufen zu wollen und mich abzulenken ist ein erster Hinweis.

Je mehr Widerstand ich leiste, umso stärker wird der Druck. Ich kann ihm nicht mit mehr Disziplin, Härte oder Zwang entkommen. Jede Aktion bewirkt eine gleichstarke Reaktion. Es ist ein Teufelskreis.

Wenn ich meinem Verlangen nachgebe, steigt der Druck auch. Ich laufe weg und versuche die Gefühle zu ignorieren und zu vergraben. Das mögen sie aber noch viel weniger und machen sich immer intensiver bemerkbar.

Anstatt zu versuchen gegen den Drang anzukämpfen, kann ich das Gefühl akzeptieren und zulassen, ohne handeln zu müssen. Ich kann es aushalten, auch wenn es sich in dem Moment nicht so anfühlt. Es sind Informationen. Das Gefühl sagt mir, dass etwas nicht stimmt. Das ich vom Kurs abkomme und empfiehlt mir eine Korrektur vorzunehmen.

Es zeigt mir den Eisberg, bevor es zu spät ist. Es fällt mir aber noch schwer das auf diese Weise zu sehen.

Ich kann mich so aber sanft aus dem Keller führen und wieder auf die Wiese gehen.

Ich muss dann nicht mehr alles einreißen.

Vielleicht gehe ich irgendwann gar nicht mehr im Keller, weil ich schon vorher bemerke, wenn ich mich zurückziehen möchte.

Der Rückzug war für mich scheinbar in meiner Kindheit oder Jugend ein Schutzmechanismus. Mein Weg mit meinen damaligen Schwierigkeiten umzugehen. Er hat mir geholfen und ich bin dankbar dafür, auch wenn ich mich nicht mehr erinnern kann, wozu ich es gebraucht habe.

Jetzt steht es mir aber im Weg. Ich habe andere, bessere Wege damit umzugehen.

Was ist dein Traum? Wie kann ich helfen?