Bewunderung
Heute sind bei Zwift die Profis auf meiner Strecke gefahren. Sie haben mich alle drei Runden überrundet.
Als ich mit meinem Training fertig war, habe ich Ihnen geschrieben wie beeindruckt ich von ihrer Geschwindigkeit und Fitness bin.
Ich habe gemerkt, wie sehr ich mit Ihnen ins Gespräch kommen wollte. Ich wollte Teil der coolen Jungs sein.
Am meisten wollte ich aber auch das andere, mich so bewundern, wie ich sie.
Ich möchte die Anerkennung und einen Beweis, dass ich gut genug bin.
Dadurch, dass ich von Ihnen beeindruckt bin, habe ich einen Weg gesehen, wie andere von mir beeindruckt sein könnten. Dass ich die Anerkennung bekomme, nachdem ich mich sehne. Endlich genug zu sein.
Ich habe das Training letzte Woche völlig übertrieben. Ich habe mir jeden Tag vorgenommen, es ruhiger angehen zu lassen es dann aber doch wieder übertrieben. Gestern war der erste Tag, an dem ich ein wirklich lockeres Training gemacht habe.
Ich bin heute aufgewacht und habe mich immer noch sehr erschöpft gefühlt. Es war also klar, dass ich wieder ein lockeres Training einlegen werde.
Nachdem ich aber die Profis gesehen habe, habe ich ein Verlangen gespürt, wieder Vollgas zu geben. Ich habe einen Weg gesehen, mein Ziel zu erreichen. Ich muss nur sehr gut im Fahrradfahren werden.
Es ist ein unkomplizierter Weg vorwärts. Ich muss nur immer länger und schneller Fahrradfahren.
Dann sagen mir andere, wie beeindruckt sie von mir sind. Dann habe ich mein Ziel erreicht.
Wenn ich dann aber Anerkennung bekomme, nehme ich sie nicht an oder nicht erst.
Mir ist dann wieder klar geworden, dass ich fast alles tue, um etwas Besonderes zu sein. Um Anerkennung zu bekommen. Um meinen Wert zu beweisen.
Ich glaube nur so einen Wert zu haben. Ich muss etwas können das andere nicht können. Am besten in allen Bereichen.
So funktioniert es aber nicht.
Ich kann dieses Spiel nicht gewinnen. Ich brauche dann immer mehr Leistung, damit die Anerkennung von außen seine Wirkung nicht verliert.
Wir gewöhnen uns an alles. Irgendwann brauchen wir mehr. Wir legen die Latte immer höher. Bis wir sie nicht mehr erreichen können.
Wie kann ich mir diese Anerkennung selbst geben? Was fehlt mir, um mich genug zu fühlen?
Ich strenge mich so sehr an, und trotzdem reicht es nicht. Ich glaube immer mehr erreichen zu müssen. Irgendwann muss ich doch den Punkt erreicht haben, an dem es genug ist.
Ich glaube immer mehr und ich bin mir eigentlich schon sicher, dass ich etwas Grundlegendes übersehe. Die Lösung befindet sich zum Greifen nah. Ich kann sie aber einfach nicht sehen.
In meinem Wahn immer mehr erreichen zu wollen, bin ich zu eingeschränkt, um mich der Ursache zu nähern.
Ich versuche, Symptome zu heilen und Pflaster auf Fleischwunden zu kleben. Ich übersehe dabei aber die Ursache.
Ich schütte das Wasser mit einem Eimer aus dem Boot, flicke das klaffende Loch aber nicht.
Ich kann aber auch nicht erkennen, dass es ein Leck gibt. Ich weiß, dass es irgendwo ist. Ich sehe es aber einfach nicht.
Je besser ich mich fühle, umso geringer wird dieser Druck. Das Gegenteil ist aber auch der Fall. Wenn ich mich nicht gut fühle, habe ich das Gefühl immer noch mehr machen zu müssen. Ich übertreibe es dann und erfülle meine eigenen Erwartungen nicht mehr. Dadurch fühle ich mich noch unzufriedener und suche nach einem Ausweg. Ich merke, dass ich es nicht schaffen kann, und will weglaufen.
Ich fange an Ergebnisse zu erzwingen und verliere so die Freude am Prozess.
Dadurch mache ich mir immer noch mehr Druck. Dazu führt, dass ich immer noch mehr tun möchte. Ich habe das Gefühl, nicht aufhören zu können. Ich muss immer weitermachen.
So grabe ich mich immer tiefer ein. Ich verausgabe mich völlig und breche irgendwann zusammen.
Ich suche nach der einen Lösung. Einem Trick oder jemandem, der mir sagt, was ich tun soll.
Das ist kein nachhaltiger Weg, um zu leben. Ich werde diesen Kreislauf durchbrechen.
Es fällt mir aber noch schwer, zu sehen, wie ich das anstelle.
Ich werde erkennen, dass ich selbst genug bin. Dass ich nichts leisten muss, um dazuzugehören.
Dass ich mich nicht zurückziehen muss, sondern meine Verletzlichkeit teilen darf. Dass es meine Schwächen sind, die mich menschlich machen. Dass ist das ist, was andere an mir mögen.
Anstatt mich selbst zu zensieren, möchte ich authentisch sein und mich komplett zeigen.
Vielleicht gelingt es mir durch diese Texte. Ich fange im Kleinen an. Ich finde Menschen, denen ich mich anvertrauen kann. Das gibt mir die Sicherheit mich immer weiter aus meiner Festung heraus zu wagen.
Ich rechne damit, dass das nicht allen gefällt. Ich werde mich nicht bei der ersten negativen Reaktion wieder zurückziehen, wie ich es sonst immer gemacht habe.
Ihre Reaktion hat wahrscheinlich nur sehr wenig mit mir zu tun. Eine negative Reaktion macht nicht die vielen positiven ungültig.