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Das Gerüst, das mit uns wächst

6 Minuten Aktueller Spielstand

Ich bin auf ein Unternehmen gestoßen, das heiße Solarmodule mit Salzwasser kühlt. Zunächst klingt das nach einem kleinen technischen Detail. Solarmodule verlieren Leistung, wenn sie zu heiß werden, also führt man die Wärme ab.

Doch die Wärme wird nicht bloß beseitigt. Sie verdampft das Salzwasser. Dabei entstehen destilliertes Wasser und konzentrierte Mineralien. Aus einem notwendigen Aufwand wird ein produktiver Prozess: Die Kühlung erhält die Leistung der Module und erzeugt zugleich etwas, das an anderer Stelle gebraucht wird.

Mich beschäftigt daran weniger die einzelne Anlage als der Perspektivwechsel. Abwärme war ein Problem, solange wir nur den Prozess betrachtet haben, aus dem sie herausfällt. Sobald wir einen zweiten Prozess danebenstellen, wird sie zum Rohstoff.

Vielleicht gilt das für sehr viele Dinge, die wir Abfall nennen. Sie sind nicht von sich aus wertlos. Uns fehlt lediglich noch eine Verbindung, die sie in den nächsten Kreislauf aufnimmt.

Aus dieser kleinen Beobachtung wächst ein größeres Bild.

Stellen wir uns einen Salzwasserkanal vor, der sich durch trockenes Land zieht. Über ihm erzeugen Solarmodule Energie. Das Wasser kühlt die Module und wird dort entsalzt, wo Wärme anfällt. Das Süßwasser versorgt Menschen und Pflanzen. Entlang des Kanals entstehen Waldgärten, Wege, Daten- und Energieleitungen. Menschen und Güter bewegen sich auf dem Wasser. In einer Siedlung nimmt ein Rechenzentrum überschüssige Energie auf, verwandelt sie in Rechenleistung und gibt Wärme ab, die wiederum zur Entsalzung genutzt werden kann.

Der Kanal wäre dann nicht einfach eine Straße aus Wasser. Er würde gleichzeitig transportieren, kühlen, bewässern, verbinden und Lebensraum schaffen. Seine Nutzung würde ihn nicht nur abnutzen. Jeder neue Anschluss könnte weitere Stoff- und Energieströme miteinander verbinden und damit den Wert des Ganzen erhöhen.

Auch die verbleibende Sole verändert in diesem Bild ihre Bedeutung. Zunächst erscheint sie als neuer Reststoff. Doch wenn große Mengen ohnehin konzentriert werden, können Natrium, Magnesium, Brom oder andere Bestandteile zu Ausgangspunkten weiterer Prozesse werden. Was heute zu billig, zu häufig oder zu wenig verstanden ist, kann morgen eine neue Nische öffnen.

Die Natur kennt solche endgültigen Reststoffe kaum. Wo Material und Energie verfügbar sind, kann etwas entstehen, das davon lebt. Wir müssen nicht jede spätere Nutzung im Voraus kennen. Vielleicht genügt es zunächst, Stoffströme zugänglich zu machen und die Kosten des Experimentierens zu senken.

Damit verschiebt sich auch die Bedeutung von Überfluss.

Überfluss heißt nicht nur, mehr von etwas konsumieren zu können. Er erweitert den Raum dessen, was wir ausprobieren können. Solange eine Ressource knapp und teuer ist, müssen wir ihren Einsatz rechtfertigen und bekannte Lösungen optimieren. Wird sie reichlich verfügbar, tauchen andere Fragen auf: Was können wir jetzt bauen? Welche seltene Ressource lässt sich ersetzen? Welches Problem wird lösbar, weil ein früherer Engpass verschwunden ist?

Jeder gelöste Flaschenhals setzt Kapazität frei. Diese Kapazität kann vollständig konsumiert werden. Oder ein Teil von ihr fließt in ein Gerüst, das den nächsten Versuch leichter macht.

Wir pflücken zuerst die Früchte, die wir im Stehen erreichen. Einen Teil der Ernte verwenden wir, um ein Gerüst zu bauen. Plötzlich werden die nächsthöheren Früchte zu niedrig hängenden Früchten. Auch von dieser Ernte investieren wir wieder einen Teil. So beginnt jeder Zyklus mit besseren Voraussetzungen als der vorherige.

Dieses Gerüst kann vieles sein: Wissen, Werkzeuge, freie Zeit, eine Grundversorgung, ein Sicherheitsnetz, eine Werkstatt, ein Mentor oder eine Infrastruktur, die mehrere Aufgaben zugleich erfüllt. Gemeinsam haben diese Dinge, dass sie Scheitern günstiger machen. Wenn ein Versuch nicht die eigene Existenz bedroht, lohnt es sich eher, etwas Neues zu wagen.

Deshalb ist eine Aufgabe, die wir automatisiert haben, nicht zwangsläufig ein Verlust. Sie kann gewonnene Aufmerksamkeit sein. Ein gutes System bindet seinen Erbauer nicht für immer an seinen Betrieb. Es macht ihn frei, den nächsten Flaschenhals zu erkennen.

Die gleiche Bewegung zeigt sich zwischen dem Einzelnen und der Gemeinschaft. Ich löse ein Problem, das ich selbst spüre. Dadurch wird mein Leben besser. Wenn ich die Lösung dokumentiere, als Werkzeug baue oder als Erfahrung weitergebe, können andere darauf aufbauen. Das Ganze wird leistungsfähiger und schafft wiederum bessere Bedingungen, unter denen ich mein nächstes Problem lösen kann.

Egoismus und Altruismus müssen darin keine Gegensätze sein. Der Anfang darf beim eigenen Leben liegen. Entscheidend ist, ob die gefundene Lösung dort eingeschlossen bleibt oder in das gemeinsame Gerüst eingeht.

Vielleicht ist das eine brauchbare Frage für viele Entscheidungen: Erhöht das, was wir gerade bauen, die zukünftige Fähigkeit des Systems, seine eigenen Probleme zu erkennen und zu lösen?

Dann betrachten wir Grundversorgung nicht nur als Hilfe, Bildung nicht nur als Vermittlung und Automatisierung nicht nur als Einsparung. Sie können Investitionen in neue Problemlöser sein. Dafür reicht es allerdings nicht, bloß das Überleben zu sichern. Menschen brauchen Räume, in denen sie Interessen entdecken, Fähigkeiten erproben und etwas riskieren können, ohne durch einen misslungenen Versuch ins Bodenlose zu fallen.

Das Sicherheitsnetz soll uns nicht am Boden halten. Wir können es höher spannen, damit wir höher reichen können.

Und so führt der Gedanke zurück zu den heißen Solarmodulen. Ihre Abwärme war kein Endpunkt. Sie war der Anfang eines neuen Kreislaufs, sobald jemand sie aus einem anderen Blickwinkel betrachtete. Aus Kühlung wurden Wasser und Mineralien. Aus Wasser konnte Vegetation entstehen. Aus Infrastruktur konnten Siedlungen wachsen. Aus besseren Lebensbedingungen konnten weitere Menschen die Freiheit gewinnen, den nächsten ungenutzten Strom zu entdecken.

Der Fortschritt liegt dann nicht in einer endgültigen Lösung. Er liegt in einem Gerüst, das durch jede geteilte Lösung ein wenig höher wird.