Auf dem Weg zum Coworkingspace fahre ich mit dem Fahrrad an Feldern vorbei. Ich bewege mich, bin an der frischen Luft und sehe manchmal Rehe, Katzen oder Hasen. Der Weg ist nicht bloß ein Hindernis zwischen mir und meiner Arbeit. Er gehört bereits zu meinem Leben.
Und trotzdem würde ich lieber so nah am Coworkingspace wohnen, dass ich zu Fuß gehen könnte.
Wir verbringen erstaunlich viel Zeit damit, räumliche Trennung zu überwinden. Dafür bauen wir Straßen, kaufen Fahrzeuge, erzeugen Energie und halten eine gewaltige Infrastruktur am Laufen. Ein Weg kann Bewegung, Natur und Begegnung sein. Er kann aber auch nur deshalb nötig sein, weil unser Alltag weit auseinanderliegt.
Vielleicht müssen wir deshalb nicht alle Wege abschaffen. Vielleicht müssen wir die toten Wege abschaffen: jene Zeit, in der wir fast nichts anderes tun können, als eine künstlich geschaffene Distanz zu überbrücken.
Auf einer Berghütte habe ich einmal einen Satz gelesen: Alles, was wir brauchen, aber nicht mehr.
Kein Fernseher. Kein Internet. Kein Social Media. Stattdessen Essen, Bewegung, Landschaft, Menschen, ein Ziel für den nächsten Tag und Schlaf. Es fehlte etwas, das zu Hause beinahe selbstverständlich scheint. Aber dort fühlte es sich nicht wie ein Mangel an.
Warum fällt es uns im Alltag so schwer, den Bildschirm wieder wegzulegen?
Ein Bildschirm macht die nächste Belohnung fast ohne Widerstand erreichbar. Innerhalb von Sekunden finden wir Unterhaltung, Neuigkeiten, Schönheit, Empörung, Status und Einblicke in das Leben anderer. Ein wirkliches Gespräch kann erfüllender sein. Aber dafür müssen wir auf einen Menschen zugehen, uns zeigen und Unsicherheit aushalten. Wir könnten zurückgewiesen werden. Wir könnten uns langweilen. Oder es könnte eine Freundschaft entstehen.
Das wirkliche Leben verspricht nicht die schnellste Belohnung. Es verlangt einen Einsatz.
Doch vielleicht ist nicht der Bildschirm das eigentliche Problem. Vielleicht greifen wir nach ihm, wenn für diesen Einsatz kaum noch etwas übrig ist.
Schon die eigene Versorgung kann sich wie ein Vollzeitjob anfühlen. Wir arbeiten, pendeln, kaufen ein, kochen, putzen, vergleichen Versicherungen, verstehen Verträge, füllen Formulare aus, koordinieren Termine und kümmern uns um unzählige kleine Ausnahmen. In unserer Arbeit spezialisieren wir uns immer weiter. Privat lösen Millionen Menschen dieselben Probleme immer wieder allein.
Das kostet nicht nur Zeit und Geld. Es kostet Aufmerksamkeit und Entscheidungskraft. Wir können zwei freie Stunden haben und trotzdem keine freie Kapazität besitzen.
Wenn wir unter Druck Dinge tun, die wir eigentlich nicht tun möchten, brauchen wir anschließend Erholung oder Kompensation. Wir kaufen etwas, fahren in den Urlaub oder lassen uns berieseln. Von außen sieht das schnell nach verschwendeter Zeit aus. Vielleicht reicht die verbleibende Kraft in diesem Moment aber tatsächlich nur noch dafür.
Dann wäre mehr Disziplin keine Antwort. Sie würde die nächste Forderung zu einem Leben hinzufügen, das bereits aus Forderungen besteht.
Die wichtigere Frage lautet: Wie könnten wir unsere Bedingungen so gestalten, dass das wirkliche Leben wieder die attraktivere Möglichkeit wird?
Denn das Leben besitzt längst alles, was ein gutes Spiel braucht. Eine offene Welt. Andere Spieler. Unbekannte Gebiete. Fähigkeiten, die wir entwickeln können. Konsequenzen, Rückmeldungen und unendlich viele mögliche Quests.
Eine Quest zeigt sich dort, wo etwas unsere Aufmerksamkeit auf sich zieht: ein Problem, ein Mensch, eine Idee, eine Fähigkeit, ein Gefühl oder eine Frage. Ist sie zu leicht, langweilen wir uns. Ist sie zu schwer, überfordert sie uns. Liegt sie an der Grenze unserer gegenwärtigen Fähigkeiten, kann sie uns vollständig aufnehmen.
Wir handeln, und die Realität antwortet. Durch diese Antwort lernen wir. Danach sind wir nicht mehr derselbe Spieler. Wir können etwas, das wir vorher nicht konnten, sehen etwas, das wir vorher nicht sahen, und erreichen einen Teil der Welt, der uns zuvor verschlossen war. Dort warten neue Aufgaben.
Das Spiel wird nicht dadurch gut, dass wir immer gewinnen. Scheitern ist ein Teil davon. Es erzeugt eine Rückmeldung, an der unser Weltmodell genauer werden kann.
Aber wir haben das Scheitern teuer gemacht.
Ein Versuch kann Einkommen, Wohnung, Status oder Zugehörigkeit gefährden. Dann ist es vernünftig, wenig zu riskieren. Gleichzeitig berauben wir uns damit der Erfahrungen, durch die wir lernen könnten. Ein Sicherheitsnetz ist deshalb nicht nur Schutz vor dem Fallen. Es bestimmt auch, wie hoch wir springen können.
Je billiger ein Fehlversuch ist, desto mehr Fragen können wir der Realität stellen. Wir probieren etwas aus, erhalten ein Signal, passen unser Modell an und versuchen es erneut. Einige dieser Versuche verbessern die gemeinsamen Bedingungen. Dadurch wird der nächste Versuch auch für andere leichter.
Hier können zwei Spiralen entstehen.
Mangel und Stress binden Kapazität. Sie können unsere Wahrnehmung mit Angst, Druck und Erwartungen überlagern. Wir lesen die Signale der Realität schlechter, treffen unpassendere Entscheidungen und bauen Systeme, die noch mehr Reibung erzeugen.
Sicherheit und freie Kapazität können dagegen helfen, wieder ins dynamische Gleichgewicht zu kommen. Dann steht weniger zwischen uns und dem, was tatsächlich geschieht. Wir können passender handeln, aus der Antwort lernen und Systeme gestalten, die wiederum mehr Kapazität freisetzen.
Die Realität selbst lügt dabei nicht. Das Signal ist wahr. Verzerrt oder unvollständig können unsere Wahrnehmung, unsere Interpretation und unser Modell sein. Gleichgewicht macht uns nicht allwissend. Es hilft uns, die Antwort der Realität aufzunehmen, statt sie gegen Angst oder eine festgehaltene Vorstellung verteidigen zu müssen.
Genau darin könnte die Aufgabe eines Eudaimoniums liegen.
Es wäre kein Ort, der Menschen glücklich macht, ihnen jede Schwierigkeit abnimmt oder ihre Quests für sie löst. Eine Welt ohne Herausforderungen wäre nicht lebendiger. Das Eudaimonium würde die wertvollen Probleme nicht beseitigen. Es würde die selbst erzeugte Reibung verringern, die uns davon abhält, ihnen zu begegnen.
Versorgung, kurze Wege, Gemeinschaft, Spezialisierung, Automatisierung und ein hohes Sicherheitsnetz wären keine Annehmlichkeiten um ihrer selbst willen. Sie wären eine Infrastruktur für freie Kapazität. Dinge, die keinen individuellen Wert daraus gewinnen, dass jeder sie allein erledigt, könnten gemeinsam gelöst werden. Das Notwendige würde so gestaltet, dass es zugleich etwas anderes Gutes bewirkt: Der Weg wäre Bewegung. Das Essen wäre Begegnung. Die Arbeit wäre Lernen und Beitrag.
Alles, was wir brauchen, aber nicht mehr, hieße dann nicht Verzicht. Es wäre eine Designregel: Fügt etwas dem Leben Kapazität hinzu oder bindet es neue? Bringt es uns näher an die Wirklichkeit oder stellt es sich dazwischen?
Vielleicht brauchen wir dann keine Verbote, um weniger Zeit am Bildschirm zu verbringen. Wenn vor der Tür Menschen sind, die wir mögen, wenn eine interessante Aufgabe auf uns wartet, wenn Bewegung, Natur und Begegnung nah sind und ein Versuch uns nicht gleich die Existenz kosten kann, verändert sich die Konkurrenz. Der Bildschirm ist noch da. Aber das Leben ist wieder erreichbar.
Das Eudaimonium wäre keine bessere Alternative zum Leben. Es wäre eine Umgebung, die möglichst wenig zwischen uns und das Leben stellt.
Auf meinem Fahrradweg ist davon schon etwas zu spüren. Ich muss an einen anderen Ort gelangen, aber währenddessen bewege ich mich durch die Welt. Die Rehe am Feldrand sind keine Belohnung für einen erledigten Weg. Sie sind ein Teil des Spiels, das längst begonnen hat.
Wir müssen dem Menschen nicht das Leben abnehmen. Wir können ihm abnehmen, was ihn davon abhält, es zu leben.