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Der Schatz hinter dem Drachen

7 Minuten Aktueller Spielstand

Ich spürte etwas in meinem Bauch, bevor ich wusste, worum es ging.

Da war Anspannung, vielleicht eine Vorahnung, vor allem aber Ungewissheit. Etwas wollte ausgedrückt werden, nur hatte es noch keinen Inhalt. Meine Gedanken kamen erst danach. Sie fanden schnell eine ganze Reihe möglicher Erklärungen.

Ich hatte unruhig geschlafen. Am Freitag würde ich zum letzten Mal ins Büro fahren, meine Sachen und das Auto abgeben und Kuchen mitbringen. An diesem Tag musste ich das Auto noch reinigen. Das passte nicht in meinen gewohnten Ablauf. Eigentlich wollte ich mit dem Fahrrad ins Coworking fahren, trainieren und meinen Tag so gestalten, wie er mir in den vergangenen Wochen gutgetan hatte.

Aus einem einzigen äußeren Muss entstanden plötzlich viele innere.

Ich musste das Auto waschen. Deshalb konnte ich nicht wie geplant fahren. Dann würde mir Bewegung fehlen. Dann würde mein Essen nicht mehr zum Tag passen. Vielleicht würde ich zu viel essen. Vielleicht würde ich das Training auslassen. Vielleicht würde die Lockerheit verschwinden, die ich gerade erst wiedergefunden hatte. Und wenn sie einmal weg war, würde ich womöglich nicht zu ihr zurückfinden.

Aus einer kleinen Abweichung war in wenigen Augenblicken die Möglichkeit eines vollständigen Rückfalls geworden.

Ich plante meinen Tag immer enger, um nicht die Kontrolle über ihn zu verlieren. Doch gerade dieser Versuch brachte die alte Enge zurück. Aus „Ich möchte“ wurde „Ich muss“.

Was unter dem Tagesplan lag

Das Auto war nicht der Kern der Anspannung.

Ich hatte Angst, bei der Rückgabe etwas falsch zu machen. Vielleicht wäre es nicht sauber genug. Vielleicht würde ich bewertet. Und ich wusste nicht, was mich am Freitag erwartete. Würde ich nur den Schlüssel abgeben? Würden wir noch miteinander sprechen? Würde sich jemand für meinen letzten Tag interessieren? Könnte etwas Wichtiges vergessen worden sein?

Ich hatte mich entschieden zu gehen. Ich war derjenige, der sie verließ. Trotzdem wollte ein Teil von mir wissen, ob ich ihnen noch etwas bedeutete.

Mit dem Auto und meinen Sachen würde ich die sichtbaren Zeichen meiner Zugehörigkeit zurückgeben. Meine Rolle fiel weg, meine Nützlichkeit für diesen Ort endete. Hinter der Sorge um einen sauberen Wagen lag deshalb noch eine andere Frage: Bleibe ich bedeutsam, wenn ich dort nicht mehr gebraucht werde?

Diese Frage ließ sich nicht durch einen besseren Tagesplan beantworten.

Ich ging spazieren. Nach kurzer Zeit fühlte ich mich so erschöpft, dass ich mich von Bank zu Bank bewegte. Die Energie schien wie abgedrückt. Ich spürte, dass da etwas war, dem ich auswich. Als ich es für einen Moment zuließ und aussprach, wurde es unmittelbar leichter. Ich schaffte den restlichen Weg, legte mich hin und konnte später sogar arbeiten.

Dann kam die nächste Welle.

Das Entscheidende war nicht, dass ich das Gefühl endgültig verstanden oder beseitigt hatte. Ich hatte aufgehört, sofort vor ihm zu fliehen. Normalerweise hätte aus der Anspannung schnell eine vertraute Schleife werden können: Alarm, Ablenkung, zu viel Essen, Vorwürfe und noch mehr Druck. Dieses Mal blieb ich einen Moment bei dem, was ich spürte. Ich drückte es aus. Und etwas veränderte sich.

Das ist keine Erklärung für jede Erschöpfung. Ungewöhnliche Schwäche oder Benommenheit verdient es, körperlich ernst genommen zu werden; dann muss kein Spaziergang erzwungen und kein verborgenes Gefühl gefunden werden. Aber in diesem konkreten Moment konnte ich beobachten, dass mit dem Ausdruck wieder etwas verfügbar wurde, das vorher gebunden gewesen war.

Eine vergessene Technik

Das Erlebnis fühlte sich zunächst wie eine neue Superkraft an. Als hätte ich einen Cheat Code entdeckt: Ich musste Gefühle nicht fürchten. Ich konnte sie wahrnehmen, bei ihnen bleiben und beobachten, was geschah.

Dann erinnerte ich mich daran, dass ich diesen Zugang schon einmal gekannt hatte.

Einige Monate zuvor hatte ich bei Atemübungen einen Körperscan gemacht. Ich stellte mir dabei vor, ein Drachenjäger zu sein. Ich ging durch meinen Körper und suchte nach Stellen, die sich angespannt oder anders anfühlten. Wenn ich eine fand, richtete ich meine Aufmerksamkeit darauf.

Einmal wurde die Spannung in meiner Vorstellung zu einer Kugel. Sie stieg in Richtung Kopf auf, und ich konnte ihr folgen. Langsam löste sie sich in schwarzen Rauch oder Schleim auf, floss in meine Stirn und verschwand. Ich verstand dieses Bild nicht als buchstäblichen Stoff in meinem Körper. Es war die Form, die mein inneres Erleben annahm. Gleichzeitig spürte ich den Druck und danach die Entspannung.

Ich hatte die Spannung nicht gewaltsam entfernt. „Lösen“ bedeutete, sie zuzulassen, ihr aufmerksam zu folgen und ihre Veränderung nicht zu verhindern.

Trotzdem war die Gestalt des Drachenjägers wichtig. Sie gab mir eine andere Rolle.

Anspannung bedeutete nicht mehr: Mit mir stimmt etwas nicht, ich muss hier weg.

Sie bedeutete: Hier ist ein Drache. Wo sitzt er? Was geschieht, wenn ich mich ihm nähere?

Das Bild nahm den Gefühlen ihre Bedrohlichkeit. Ich wollte sie plötzlich finden. Jeder Fund war ein Schatz, denn sobald sich ein Drache aufgelöst hatte, konnte ich beanspruchen, was hinter ihm gelegen hatte.

Manchmal war dieser Schatz Entspannung. Manchmal Energie. Vielleicht kann er auch eine Erkenntnis, eine Entscheidung oder der Mut sein, etwas anzusehen, dem ich bisher ausgewichen bin. Ich muss vorher nicht wissen, was ich finden werde. Der erste Schatz liegt bereits darin, mich nicht mehr nur als Opfer meines Zustands zu erleben.

Nicht jeder Drache muss gejagt werden

Auch der Drachenjäger kann missverstanden werden. Mein innerer Antreiber könnte aus ihm leicht einen neuen Auftrag machen: ständig den Körper absuchen, jede Spannung optimieren, jeden Drachen so schnell wie möglich beseitigen.

Dann würde aus dem hilfreichen Bild wieder eine Form der Flucht.

Es geht nicht darum, zwanghaft auf Patrouille zu gehen. Ein Gefühl muss nicht verschwinden, damit ich richtig mit ihm umgegangen bin. Und es ist nicht automatisch eine fertige Wahrheit oder eine Anweisung, der ich folgen muss. Es ist zunächst ein Signal. Ich kann es wahrnehmen, zulassen und erst dann prüfen, was es mir vielleicht zeigt.

Das verändert die Sicherheit, nach der ich suche. Sie besteht nicht mehr darin, dauerhaft locker zu bleiben oder jeden kommenden Tag kontrollieren zu können. Sie entsteht aus dem wachsenden Vertrauen, auch einer neuen Welle begegnen zu können.

Am selben Tag traf ich zufällig einen alten Freund, den ich seit zwei Jahren nicht gesehen hatte. Ich muss daraus keine Botschaft des Universums machen. Vielleicht zeigt die Begegnung etwas Einfacheres und für mich Wertvolleres: Wenn ich mich dem Leben wieder zur Verfügung stelle, können Dinge geschehen, die ich nicht planen konnte.

Ungewissheit ist nicht nur der Raum, in dem meine Pläne scheitern. Sie ist auch der Raum für ungeplante Inseln.

Am Anfang hatte ich nur die Anspannung in meinem Bauch und den dringenden Wunsch, sie durch Planung unter Kontrolle zu bringen. Jetzt kann ich darin noch etwas anderes erkennen. Vielleicht war sie kein Beweis dafür, dass meine Lockerheit verloren ging. Vielleicht war da nur wieder Rauch am Horizont.

Und ich hatte vergessen, dass ich ihm folgen kann.