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Der wandernde Eudaimonia-Architekt

6 Minuten Aktueller Spielstand

Ich kann eine Software bauen, die anderen Menschen das Leben leichter macht, und trotzdem das Gefühl haben, ins Blaue zu programmieren.

Die Ideen sind nicht unbedingt schlecht. Ich kann sie durchdenken, besprechen und begründen. Theoretisch ergibt alles Sinn. Aber zwischen meiner Arbeit und dem Moment, in dem ein anderer Mensch sie benutzt, liegt eine Entfernung. Rückmeldungen kommen später und oft über Umwege. Ich sehe nicht, wie die Hand sich bewegt, wo der Blick hängen bleibt oder an welcher Stelle ein eigentlich einfacher Ablauf plötzlich schwer wird.

Diese Entfernung verändert meine Arbeit.

Wenn ich dagegen ein Video sehe, in dem jemand die Software tatsächlich benutzt, geschieht etwas anderes. Ich bemerke sofort, wo der Prozess stockt. Eine unnötige Entscheidung, ein missverständlicher Schritt, eine Bewegung zu viel – die Reibung ist auf einmal nicht mehr abstrakt. Ich spüre sie. Und in demselben Augenblick beginnt mein Kopf, Lösungen zu entwerfen.

Vielleicht fehlte mir also nicht die richtige Aufgabe. Vielleicht fehlte mir der Sensor für sie.

Wenn das Problem zu meinem wird

Ich habe lange gedacht, dass zwischen meinem eigenen Leben und meiner Arbeit eine Trennung besteht. In meinem Leben beobachte ich mich, verändere Routinen und gestalte meine Umgebung so, dass der nächste gute Schritt leichter wird. Mit Cardmonitor löse ich dagegen Probleme für andere. Die Arbeit macht mir Spaß und finanziert mein Leben, aber ich selbst benutze die Software nicht.

Der direkte Kontakt lässt diese Trennung kleiner werden.

Sobald ich einen Menschen bei seiner Arbeit beobachte, wird seine Reibung für einen Moment zu meiner. Ich muss sie mir nicht aus einer Beschreibung rekonstruieren. Ich erlebe, was nicht passt, und habe die Möglichkeit, etwas dagegen zu tun. Aus einer theoretischen Produktidee wird ein reales Problem, das wir gemeinsam lösen können.

Der Unterschied liegt im Regelkreis.

Ein offener Regelkreis sieht ungefähr so aus:

Idee, Programmierung, irgendwann eine Rückmeldung.

Ein geschlossener Regelkreis ist unmittelbarer:

Beobachten, Reibung spüren, etwas verändern, die Wirkung sehen, weiterlernen.

So bewege ich mich auch durch mein eigenes Leben. Nicht, indem ich im Voraus die perfekte Ordnung entwerfe, sondern indem ich wahrnehme, handle und anhand der Antwort der Wirklichkeit korrigiere. Wie beim Fahrradfahren entsteht Gleichgewicht nicht aus einem einmal gefassten Plan. Es entsteht aus fortlaufender Rückmeldung.

Präsenz als Teil der Arbeit

Deshalb berührt mich das Bild eines Anführers, der durch seinen Außenposten geht und die Menschen fragt, ob sie alles haben, was sie brauchen. Deshalb beeindruckt mich Paul Akers, der Zeit in seinem Unternehmen verbringt, mit Mitarbeitern über ihre Prozesse spricht und sehen will, wie ihre Aufgabe heute ein wenig besser werden kann.

Die Nähe ist dort kein Zusatz zur eigentlichen Arbeit. Sie ist die Bedingung dafür, das Richtige überhaupt wahrzunehmen.

Vielleicht erklärt das auch, warum mir Probleme und neue Ideen, von denen andere erzählen, kaum gleichgültig bleiben. Fast automatisch frage ich mich, wie man sie lösen oder was man daraus machen könnte. Doch eine Erzählung bleibt eine Übersetzung. Vor Ort kommen die kleinen Signale hinzu, die sich nur schwer in Worte fassen lassen: der zögernde Griff, der Umweg, an den sich alle gewöhnt haben, das kurze Seufzen vor einem Arbeitsschritt.

In solchen Momenten wird Ineffizienz körperlich wahrnehmbar. Aus Helfen wird Mitmachen.

Eine Lebensform statt einer Berufsbezeichnung

Immer wieder hatte ich die Vorstellung eines wandernden Eudaimonia-Architekten. Jemanden, der wie ein fahrender Händler von Ort zu Ort zieht – nur nicht, um Waren zu verkaufen. Er lebt eine Zeit lang mit einem bestehenden System, versteht die Menschen darin und hilft ihnen, ihrem Traum ein Stück näher zu kommen. Dann zieht er weiter.

Lange wirkten meine Wünsche wie Gegensätze. Ich möchte frei sein und reisen, aber auch etwas schaffen, das bleibt. Ich möchte unabhängig sein und mich trotzdem verbunden fühlen. Ich mag die Vorstellung, wenig zu besitzen, und möchte zugleich etwas aufbauen.

In dieser Rolle müssten die Gegensätze nicht verschwinden. Sie könnten einander tragen.

Die Bewegung bewahrt die Freiheit. Die Zeit vor Ort schafft Verbindung. Das gemeinsam verbesserte System bleibt, auch wenn ich weiterziehe. Und weil jede Station neue Wirklichkeit statt nur neue Theorie enthält, bleibt auch meine eigene Entwicklung in Bewegung.

Das ist noch kein fertiges Geschäftsmodell und vielleicht auch keine endgültige Lebensform. Aber es beschreibt genauer, unter welchen Bedingungen meine Energie zu fließen beginnt: echte Reibung, unmittelbare Wahrnehmung, Beziehung und Handlungsspielraum.

Wenn alle am selben Ergebnis arbeiten

Auch die Art der Bezahlung verändert in diesem Bild ihre Bedeutung. Eine Bezahlung nach Stunden trennt die aufgewendete Zeit leicht vom erreichten Ergebnis. Eine Beteiligung am Umsatz kann dagegen ein gemeinsames Ziel schaffen. Wenn die Verbesserung wirkt, profitieren beide Seiten.

Natürlich garantiert ein gemeinsamer finanzieller Anreiz noch keine gute Beziehung. Aber er kann ausdrücken, was mich an dieser Arbeit anzieht: Ich möchte nicht von außen Ratschläge verkaufen. Ich möchte mich so mit einem Problem verbinden, dass sein besseres Funktionieren auch für mich Bedeutung bekommt.

Vielleicht ist das eine praktische Form dessen, was ich den Wettbewerb der Liebe nenne. Wir müssen nicht verlieren, damit jemand anderes gewinnt. Wenn wir Bedingungen schaffen, unter denen ein Mensch seinen Traum leichter verwirklichen kann, ist sein Fortschritt kein Abzug von unserem eigenen. Das Geschaffene erweitert die Welt, in der wir alle leben.

Dann wäre meine Arbeit weder bloß Selbstoptimierung noch bloß Dienstleistung. Sie wäre eine Folge gemeinsamer, geschlossener Feedbackschleifen: hingehen, wahrnehmen, helfen, lernen und etwas Funktionsfähigeres zurücklassen.

Auch Cardmonitor erscheint aus dieser Perspektive anders. Das Problem ist nicht, dass ich die Software nicht selbst benutze. Das Problem beginnt dort, wo ich die Menschen aus dem Blick verliere, die sie benutzen.

Vielleicht brauche ich deshalb nicht zuerst ein anderes Produkt. Vielleicht brauche ich einen kürzeren Weg zur Wirklichkeit: näher an die Arbeit, näher an die Reibung, näher an den Moment, in dem eine kleine Veränderung das Leben eines Menschen tatsächlich leichter macht.