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Die Fehlermeldung bin nicht ich

6 Minuten Aktueller Spielstand

Daniel ist Programmierer. Wenn etwas nicht funktioniert, will er es wissen.

Fehler werden protokolliert. Tests sollen zeigen, wo sich die Software anders verhält als geplant. Wenn eine Fehlermeldung erscheint, ist sie keine Störung auf dem Weg zur Lösung. Sie ist ein Teil des Weges. Ohne sie müsste er raten.

In seinem Leben geht Daniel mit Fehlern ganz anders um.

Wenn er einen Fehler selbst entdeckt, kann er ihn meistens ertragen. Niemand hat ihn bemerkt. Er kann ihn noch korrigieren, bevor er etwas an dem Bild verändert, das andere von ihm haben. Ganz ruhig bleibt es in ihm trotzdem nicht. Oft macht er sich Vorwürfe: Warum habe ich das nicht früher gesehen? Warum ist mir das nicht sofort aufgefallen?

Noch schwerer wird es, wenn ein anderer Mensch ihn auf einen möglichen Fehler hinweist. Dann will er die Meldung nicht lesen. Er sucht nach Umständen, Erklärungen oder einem Anteil, den jemand anderes daran hatte. Nicht unbedingt, weil diese Zusammenhänge bedeutungslos wären. Sondern weil es sich in diesem Moment nicht so anfühlt, als sprächen sie nur über einen Fehler.

Es fühlt sich an, als sprächen sie über ihn.

Was geschieht mit einer hilfreichen Information, wenn sie sich wie ein Urteil über den eigenen Wert anfühlt?

Wenn aus einer Abweichung ein Urteil wird

Im Programm zeigt eine Fehlermeldung zunächst nur eine Abweichung. Wir hatten eine bestimmte Vorstellung davon, was geschehen würde. Die Software verhält sich anders. Zwischen unserem Modell und der Wirklichkeit ist eine Lücke sichtbar geworden.

Das kann frustrierend sein. Vielleicht haben wir lange an der falschen Stelle gesucht. Vielleicht war unsere Annahme so selbstverständlich, dass wir sie gar nicht geprüft haben. Doch der Fehler beweist nicht, dass wir unfähig sind. Er zeigt uns, wo unser Verständnis noch nicht ausreicht.

Im eigenen Leben überspringen wir diese nüchterne Ebene manchmal. Aus „Ich habe etwas nicht gesehen“ wird „Ich hätte es sehen müssen“. Aus „Ich habe einen Fehler gemacht“ wird „Ich bin nicht gut genug“.

Dann ist die Rückmeldung keine Information mehr. Sie wird zum Beweisstück gegen unsere Identität.

Plötzlich steht viel mehr auf dem Spiel als die konkrete Sache. Wir möchten nicht nur eine Entscheidung erklären oder eine Annahme überprüfen. Wir möchten unser Bild von uns schützen — und vielleicht auch das Bild, das andere von uns haben. Verteidigung, Rechtfertigung und Schuldverschiebung ergeben in diesem inneren System Sinn. Sie sollen verhindern, dass ein einzelner Fehler zu einem Urteil über unseren Wert wird.

Das Problem ist nicht, dass dieser Schutz auftaucht. Das Problem beginnt dort, wo er die Fehlermeldung verdeckt.

Der Schutz verhindert genau das, was er verspricht

Die Regel „Ich darf keine Fehler machen“ soll uns vermutlich davor bewahren, nicht zu genügen. Doch sie nimmt uns ausgerechnet die Möglichkeit, besser zu werden.

Wenn alles Ungeplante verborgen bleiben muss, können wir unser Modell der Wirklichkeit nicht korrigieren. Wenn nur Fehler erträglich sind, die wir selbst und rechtzeitig genug entdecken, sind wir auf unsere eigene Wahrnehmung begrenzt. Wir müssten bereits sehen können, was wir gerade noch nicht sehen.

Bei Software wäre das ein seltsames System. Es würde nur jene Probleme protokollieren, die der Entwickler ohnehin kennt. Hinweise von außen würden nicht untersucht, sondern abgewehrt. Tests dürften nicht fehlschlagen, weil jeder rote Test als Beweis gälte, dass die ganze Software wertlos ist.

So ein System könnte sein makelloses Bild eine Weile bewahren. Lernfähig wäre es nicht.

Vielleicht gilt das auch für uns. Solange wir einen Fehler mit unserem Wert verknüpfen, müssen wir zwischen Selbstschutz und Lernen wählen. Erst wenn beides wieder auseinandertritt, können wir die Rückmeldung ansehen, ohne uns selbst preiszugeben.

Ich bin nicht der Code

Eine Software ist nicht beleidigt, wenn ein Test fehlschlägt. Menschen sind keine Software. Wir haben eine Geschichte, Beziehungen und ein Bedürfnis nach Zugehörigkeit. Eine Rückmeldung kann alte Erfahrungen berühren, lange bevor wir ihren Inhalt ruhig geprüft haben. Die Programmiermetapher löst das nicht auf.

Aber sie macht einen Unterschied sichtbar, den wir im entscheidenden Moment leicht verlieren.

Unser Modell kann unvollständig sein, ohne dass wir minderwertig sind. Unsere Handlung kann eine schlechte Wirkung haben, ohne dass wir selbst ein Fehler sind. Wir können Verantwortung übernehmen, ohne aus einer konkreten Abweichung ein endgültiges Urteil über uns zu machen.

Das ist keine sprachliche Beschönigung. Im Gegenteil: Wenn wir nicht mehr unsere ganze Identität verteidigen müssen, können wir genauer hinsehen. Was hatten wir erwartet? Was ist tatsächlich geschehen? Welche Annahme hat nicht getragen? Was können wir beim nächsten Versuch verändern?

Dann wird Verantwortung wieder praktisch.

Vielleicht können wir uns dabei so begegnen, wie wir einem weniger erfahrenen Programmierer begegnen möchten. Wir würden ihm nicht vorwerfen, dass er einen Fehler nicht schon vor seiner Entdeckung kannte. Wir würden mit ihm untersuchen, warum das bisherige Modell plausibel wirkte, welche Information fehlte und wie sich das System so verbessern lässt, dass derselbe Fehler früher sichtbar wird.

Diese Haltung nimmt den Fehler ernst. Sie macht den Menschen nur nicht mit ihm identisch.

Ein anderer Blick auf den roten Test

Testgetriebene Entwicklung beginnt sogar mit einem Fehlschlag. Zuerst wird sichtbar gemacht, was noch nicht funktioniert. Dann entsteht eine kleine Veränderung. Der Test läuft erneut. Später wird aufgeräumt und verbessert.

Das Ziel ist nicht, möglichst oft zu scheitern. Das Ziel ist, Abweichungen früh genug zu sehen, um aus ihnen lernen zu können.

Als Lebensstrategie bedeutet das nicht, jede schmerzhafte Erfahrung begeistert begrüßen zu müssen. Es könnte mit einem kleineren Schritt beginnen: die erste Verteidigung als Schutzreaktion wahrzunehmen, ohne ihr sofort die Führung zu überlassen. Einen Moment lang zwischen der Meldung und dem Urteil über uns Platz zu schaffen. Vielleicht sogar nachzufragen, bevor wir erklären.

Wir werden dadurch nicht plötzlich frei von Scham oder Angst. Aber wir können beginnen, zwei Sätze voneinander zu trennen: Da ist etwas anders gelaufen, als ich dachte. Und: Ich bin nicht gut genug.

Der erste Satz kann wahr sein, ohne dass der zweite daraus folgt.

Beim Programmieren will Daniel die Fehlermeldung bekommen, weil sie ihm hilft, die Software besser zu machen. Vielleicht liegt darin auch für sein Leben — und für unseres — eine Einladung. Nicht jeder Hinweis ist richtig, und nicht jede Kritik müssen wir übernehmen. Doch wir können sie erst prüfen, wenn wir bereit sind, sie zu lesen.

Die Fehlermeldung zeigt uns nicht, wer wir sind. Sie zeigt uns, wo unser bisheriges Modell die Wirklichkeit noch nicht vollständig erfasst.

Und genau deshalb darf sie sichtbar werden.