Druck

06.02.2025 - 9 min

An den meisten Tagen habe ich das Gefühl, dass mir das Wasser bis zum Hals steht. Wenn dann noch etwas hinzukommt, selbst wenn es etwas Positives ist, habe ich das Gefühl zu ertrinken. Ich kann mich nicht mehr über Wasser halten.

Ich habe das Gefühl, meine gesamte Kraft zu brauchen, nur um durch den Tag zu kommen. Ich kann aber nicht stehenbleiben oder mich ausruhen, weil Ich Angst habe, dass ich dann komplett einbreche und nicht mehr wieder hochkomme.

Dann kann ich nichts mehr leisten und wer bin ich dann?

Ich habe das Gefühl, mein Pulver verschossen zu haben und mich nur mit Tricks am Laufen zu halten.

Ich spüre einen inneren Druck, der mich dazu zwingt, weiterzumachen. Je erschöpfter ich mich fühle, umso größer der Druck nicht aufzuhören.

Mittlerweile habe ich rausgefunden, dass ich mich eigentlich ausruhen müsste, wenn ich diesen Druck spüre. Ich könnte mich einfach hinlegen und ein Nickerchen machen. Danach wäre alles besser. Ich kann mir aber scheinbar nicht eingestehen, dass ich eine Pause brauche. Es fühlt sich aber unmöglich an.

Ich spiele immer eine Rolle. Ich möchte der perfekte Freund, Arbeitskollege, Trainingspartner und so weiter sein.

Ich werde zu der Person, die gerade benötigt wird. Dabei bleibe aber ich selbst auf der Strecke. Ich neige noch dazu meine Bedürfnisse zu unterdrücken.

Ich gebe äußeren Einflüssen die Schuld an dem Druck. Jemand möchte etwas und das löst Stress in mir aus. Mein Tag ist komplett durchstrukturiert, damit ich mit dem normalen Druck klarkomme. Jeder weitere Tropfen bringt das Fass zum Überlaufen. Es gibt kaum Spielraum.

Mein Körper verkrampft und meine Welt schrumpft. Ich gerate in Panik.

Ich habe das Gefühl in Gefahr zu sein.

Es fühlt sich an, als wäre ich in einem beengten Keller oder einem Fahrstuhl. Es gibt keinen Platz. Ich fühle mich gefangen. Wie ein Tier, das in die Ecke gedrängt wird.

Deshalb fühle ich mich wahrscheinlich in Räumen nicht wohl die vollgestellt sind. Sie erdrücken mich.

Es geht nur noch darum meine Rollen zu verteidigen und zu spielen. Ich muss ihnen gerecht werden. Alles andere ist nebensächlich.

Deshalb ziehe ich mich zurück und versuche so zu verhindern, dass neue Anforderungen an mich gestellt werden.

Wenn ich keine Lösung für eine Aufgabe finde, steigt der Druck ins unermessliche. Es ist der Beweis, dass ich nutzlos bin. Ich muss eine finden. Es geht kein Weg daran vorbei. Ich halte es nicht aus und möchte nur noch weglaufen. Alles hinschmeißen und neu anfangen. Mich irgendwo eingraben und nicht mehr rauskommen.

Für mich fühlt es sich nach einem Befehl an. Selbst wenn es etwas Positives, wie ein Treffen mit Freunden, ist.

Ich habe keine Wahl, weil ich meine Rolle spielen und erfüllen muss.

Mein Tag ist aber so durchstrukturiert, weil ich sonst unter dem Druck zerbreche, dass ich kaum Zeit für solche Dinge habe. Das löst dann Stress und einen Konflikt in mir aus. Riskiere ich es unterzugehen, um der Rolle gerecht zu werden oder nicht?

Ich opfere mich selbst für die Rolle.

Wenn ich mich selbst zensiere und mir meine Meinung verkneife, oder etwas zustimme, das mir nicht gefällt, löst das auch starken Druck in mir aus. Es belastet mich es nicht auszusprechen. Es brodelt in mir.

Es gibt allerdings auch Tage, an denen der Druck nicht so groß ist. Plötzlich bin ich ein anderer Mensch. Der Zwang ist nicht mehr da und es stellt sich eine gewisse Lockerheit ein.

Der Drang nach immer mehr geht stark zurück und ein Gefühl der Zufriedenheit stellt sich ein. Ein gut genug.

Ich fühle mich nicht mehr gehetzt und kann alles etwas ruhiger angehen. Mein Kopf ist viel klarer. Ich treffe bessere Entscheidungen.

Ich habe unendlich viele Ideen und finde bessere Lösungen.

Alles wirkt so viel einfacher. Als würde ich ohne die Gewichtsweste laufen und alles wirkt leichter.

Ich mache dieselben Dinge. Ich mache sie, aber weil ich möchte und nicht, weil ich muss.

Mein Blickwinkel ändert sich komplett. Es ist, als wäre ein Schalter in meinem Kopf umgelegt worden.

Das zeigt mir, dass ich gar nicht so weit von dem entfernt bin, was ich möchte, wie es sich anfühlt.

Ich stehe mir nur noch selbst im Weg.

Es zeigen sich all die Vorteile meiner Struktur und Disziplin und ich kann sie mir tatsächlich zunutze machen.

Ich habe Energie übrig, die ich frei nutzen kann. Teilweise extrem viel.

Das zeigt mir wie groß der Druck tatsächlich ist.

Ich fühle mich nicht mehr so verkrampft, sondern offener.

Es fällt mir leichter, auf andere Menschen zu zugehen, und ich platze vor Ideen und sehe überall Möglichkeiten.

Die dunklen Wände, die mich einengen stürzen um und ich spüre die Freiheit. Ich befinde mich auf einer blühenden Wiese unter einem strahlend blauen Himmel.

Ich fühle mich mehr wie ich selbst. Ich habe nicht das Gefühl, eine Rolle spielen zu müssen. Ich fühle mich frei.

Ich wünsche mir, dass das der Normalzustand wird.

Ich weiß allerdings noch nicht, was genau dazu führt.

Es hilft eine Lösung für eine Aufgabe zu finden. Das ist aber nichts, das ich systematisieren kann.

Ich möchte einen Prozess, der nicht von Ergebnissen abhängig ist. Ich möchte die Ursache finden und sie dann beheben.

Es hilft über das zu schreiben, was mich belastet. So kann ich oft zumindest das Problem identifizieren und den Auslöser eingrenzen. Daraus folgt dann irgendwann die Lösung.

Wenn ich mich den Gefühlen stelle und mich damit befasse, finde ich in der Regel den Grund und kann mir einen Plan machen, wie ich damit umgehe. Meistens reicht es diesen Plan zu haben, damit ich mich deutlich besser fühle. Die Last fällt von mir ab. Die Ungewissheit verschwindet und ich habe Licht ins Dunkle gebracht. Ich kann etwas tun und bin meinen Gefühlen nicht hilflos ausgeliefert.

Das ist aber genau das, was ich in dem Moment am wenigsten machen möchte. Ich lenke mich ab und möchte weglaufen. Dadurch steigt der Druck immer weiter. Je früher ich mich dem stelle, umso eher fühle ich mich wieder besser. Je mehr Energie habe ich, um eine Lösung zu finden.

Oft bedeutet das aber einen „Konflikt“ mit jemand anderem. Ich muss etwas tun, dass einer meiner Rollen widerspricht. Ich muss meine Meinung sagen, Grenzen setzen, um Hilfe bitten oder etwas ablehnen. Das fällt mir extrem schwer. Es fühlt sich an, als würde es allem widersprechen, was ich mein ganzes Leben gemacht habe.

Es kratz an den Grundfesten. Dem Fundament.

Nie aus der Reihe tanzen, immer das tun, was von mir erwartet wird und niemandem zu Last fallen. Niemanden kritisieren, widersprechen oder etwas Negatives sagen.

Ich vermute, dass mein innerer Konflikt daherkommt. Der brave Junge möchte weiterhin seine Strategie anwenden, der erwachsene Anteil in mir weiß aber, dass das nicht funktioniert und es nur zu mehr Leid führt. Trotzdem fällt es mir schwer, es zu erkennen und dann noch mal schwerer entsprechend zu handeln.

Vor ein paar Tagen ist mir der Satz: "Ich bin unaufhaltsam, wenn ich mich meinen Gefühlen stelle" durch den Kopf gegangen. Das entspricht dem, was ich gerade aufgeschrieben habe.

Da kommt meine Regel: "Ich tue, wovor ich mich drücke“, wieder zum Tragen.

Es ist mir wieder schwerer gefallen sie anzuwenden. Mir hat vielleicht das positive Feedback gefehlt oder ich habe negatives bekommen. Ich erkenne aktuell auch nicht so gut, was ich wirklich möchte.

Jetzt stellt sich die Frage, wie es weitergeht. Wie schaffe ich es immer eher zu bemerken, was los ist und dann auch die entsprechende Entscheidung zu treffen?

Nachdem ich lange darüber nachgedacht habe, habe ich festgestellt, dass ich mir diesen Druck selbst mache. Er kommt nicht von außen.

Das bedeutet auch, dass ich es in der Hand habe. Ich kann herausfinden, wie ich diesen Druck ablasse und ihn im besten Fall gar nicht erst aufkommen lasse.

Ich habe diesen Text vor einem Arzttermin geschrieben. Ich habe mir die letztens zwei Wochen Gedanken gemacht, woher meine Verspannungen kommen.

Heute Morgen hatte ich dann die Idee, dass es von dem selbst erzeugten Druck kommt.

Ich habe mir vorgestellt, das Gespräch mit dem Arzt zu führen und als ich fertig war, hatte ich das Gefühl, meine Rolle als perfekter Patient erfüllt zu haben.

Ich übe dieses Gespräch vorher in meinem Kopf, um vorbereitet zu sein. Bloß nicht die Zeit von irgendjemandem verschwenden! So kurz fassen wie möglich und dabei so viele Informationen herüberbringen, wie es geht. Niemandem mit überflüssigen Informationen nerven. Immer nur das Nötigste. Nicht zu viel Zeit beanspruchen.

Ich habe herausgefunden, woran es liegt. Ich habe mir Gedanken gemacht, wie ich es formulieren möchte und es dann auch entsprechend rübergebracht.

Ich erwarte jetzt, dass der Arzt mir erzählt, was für ein guter Patient ich bin und wie reflektiert ich bin, dass mir das aufgefallen ist. Es macht ihm das Leben leichter und er würde sich wünschen, dass alle Patienten so sind wie ich.

Das wird aber nicht passieren. Dann werde ich mich fragen, was ich falsch gemacht habe.

  • Hätte ich mich besser vorbereiten sollen?
  • War es die falsche Diagnose?
  • Wie kann ich besser werden?

Ich habe beobachtet, dass die Anzahl der Wörter, die ich schreibe mit dem Druck zusammenhängt. Je mehr Druck ich spüre, umso weniger schreibe ich. Ich möchte mich so vor den unangenehmen Gefühlen drücken.

Ich möchte das als Hinweis und Frühwarnzeichen nehmen.

Ich möchte üben meine Meinung zu sagen und auszusprechen, was ich denke.

Ich möchte für mich definieren, wie Erfolg aussieht und mich für Ergebnisse entscheiden, die in meiner Kontrolle sind.

Was ist dein Traum? Wie kann ich helfen?