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Ein Leben, das mich trägt

6 Minuten Aktueller Spielstand

Was ist besser: hunderttausend Kunden zu gewinnen, die jeweils einen Euro bezahlen, oder einen einzigen Kunden, der hunderttausend Euro bezahlt?

Die Frage klingt nach Geschäftsmodell, Vertrieb und Preisgestaltung. Lange hätte ich wahrscheinlich auch genau dort nach der Antwort gesucht. Wie kann ich meinen Preis verdoppeln? Wie kann ich mit weniger Arbeitszeit denselben Umsatz erzielen? Wie finde ich die richtige Nische?

Doch je länger ich darüber nachdenke, desto weniger scheint es mir um Kunden zu gehen.

Eigentlich möchte ich nicht möglichst viele Menschen zum Kaufen bewegen. Ich möchte genug Geld verdienen, um so leben zu können, wie es mir entspricht. Und selbst das greift noch zu kurz. Denn wenn ich nur versuche, meine Arbeit effizient genug zu machen, damit daneben Platz für mein Leben bleibt, behandle ich beides weiterhin wie getrennte Bereiche.

Was wäre, wenn die interessantere Aufgabe darin bestünde, ein Leben zu gestalten, durch das ich Geld verdiene?

Ein Projekt muss kein Lebenswerk sein

Vor einigen Jahren baute ich ein Werkzeug, mit dem ich Serien verfolgen konnte. Dafür gab es keinen ausgearbeiteten Marktplan. Ich wollte ein eigenes Problem lösen. Das Projekt brachte mir das Programmieren bei, ich lernte mit Schnittstellen zu arbeiten, und diese Fähigkeiten führten mich zu meinem ersten Job als Entwickler.

Dort arbeitete ich an einem Produkt für einen Marktführer. Später entstand daraus Cardmonitor.

Das kleine Serienprojekt wurde nie zu meinem Lebenswerk. Es musste das auch nicht. Es war ein Trittstein, der mir neue Fähigkeiten und dadurch neue Probleme zugänglich machte.

Oft beurteilen wir ein Projekt danach, ob es bleibt. Aber vielleicht liegt sein Wert manchmal gerade darin, dass es uns verändert. Wir lösen ein echtes Problem, lernen dabei ein neues Werkzeug kennen und können damit anschließend Aufgaben sehen, die vorher außerhalb unserer Reichweite lagen.

Dann ist Fortschritt nicht nur das, was wir aufgebaut haben. Fortschritt ist auch die größere Kapazität, mit der wir aus einem Projekt hervorgehen.

Die eigene Klasse kennenlernen

In einem Rollenspiel wählen wir zu Beginn eine Klasse. Wir kennen ihre Stärken, ihre Fähigkeiten und ungefähr die Rolle, die sie in einer Gruppe übernehmen kann.

Im Leben bekommen wir keine so übersichtliche Auswahl. Wir finden uns mit Interessen, Erfahrungen und Begabungen wieder, die wir erst nach und nach kennenlernen. Unsere Aufgabe ist dann vielleicht weniger, eine möglichst eindrucksvolle Figur zu erfinden, als den eigenen Charakter aufmerksam zu entdecken und seine Karten gut zu spielen.

Das verändert auch die Suche nach einer guten Geschäftsidee.

Sie muss nicht immer mit einem abstrakten Markt beginnen. Sie kann mit einer Frage anfangen, die uns nicht loslässt. Mit einem Problem, das wir selbst kennen. Mit einem Versuch, den wir auch dann machen würden, wenn uns zunächst niemand dafür bezahlt.

Ein Videograf könnte zuerst viele günstige Videos produzieren, anonym veröffentlichen und tausend Dinge ausprobieren. Dabei lernt er nicht nur sein Handwerk, sondern auch, welche Geschichten Menschen erreichen und welche Probleme hinter einem Auftrag liegen. Vielleicht erkennt er später, dass ein Unternehmen gar nicht bloß ein Recruitingvideo braucht. Es braucht eine glaubwürdige Vision, eine Umgebung, in der Menschen wachsen können, und eine Geschichte, die davon erzählt.

Mit jedem gelösten Problem verändert sich seine mögliche Rolle. Nicht, weil er sie am Schreibtisch vollständig geplant hat, sondern weil die Arbeit ihm gezeigt hat, wo sein größerer Beitrag liegen könnte.

So entsteht eine Spirale: Aus einem eigenen Problem wird eine Lösung. Aus der Lösung wächst eine Fähigkeit. Die Fähigkeit wird für andere nützlich. Daraus kann ein Geschäft entstehen, das wiederum neue und anspruchsvollere Probleme sichtbar macht.

Der Flow-Korridor

Diese Bewegung ist weder völlig planlos noch vollständig planbar.

Ein Nordstern kann uns eine Richtung geben. Leitplanken können uns daran erinnern, was uns wichtig ist. Aber beides sagt noch nicht, wie sich die Wirklichkeit unter unseren Füßen gerade bewegt.

Dafür passt das Bild eines Flusses besser.

Wenn ich gegen seine Strömung schwimme, verbrauche ich einen großen Teil meiner Kraft allein dafür, an derselben Stelle zu bleiben. Schwimme ich mit ihr, verschwindet die Herausforderung nicht. Ich muss weiterhin aufmerksam sein, Hindernissen ausweichen und selbst entscheiden, wohin ich steuere. Aber meine Energie und die Bewegung des Wassers wirken in dieselbe Richtung.

Die Leitplanke verhindert, dass ich vom Weg abkomme. Der Fluss kann richtiges Handeln verstärken.

Vielleicht erleben wir genau das im Flow-Korridor: Interessen, Fähigkeiten, ein wirkliches Problem und die Rückmeldung der Realität greifen ineinander. Gespräche öffnen unerwartete Türen. Ein Nebenprojekt vermittelt die Fähigkeit für die nächste Aufgabe. Was wie ein Umweg aussah, wird im Rückblick zur Brücke.

Das bedeutet nicht, dass alles Leichte richtig und alles Schwere falsch ist. Eine Stromschnelle kann anstrengend sein und uns trotzdem in die richtige Richtung tragen. Reibung ist deshalb weder ein Befehl zum Aufgeben noch eine Aufforderung zum Durchhalten. Sie ist Information.

Entscheidend ist die Fähigkeit, diese Signale möglichst unverzerrt wahrzunehmen. Nicht jede Schwierigkeit beweist, dass wir falsch liegen. Nicht jede Gelegenheit passt zu uns. Es gibt dafür keine starre Regel, die uns das Hinsehen abnimmt.

Wir können nur genauer beobachten: Was erhöht unsere Fähigkeit? Wo entsteht trotz Anstrengung neue Energie? Welche Aufgabe lässt uns mehr von dem einbringen, was wir sind? Und wo kämpfen wir hauptsächlich gegen einen Plan, den wir selbst einmal festgelegt haben?

Leben für den Lebensunterhalt

Vielleicht besteht meine Bestimmung deshalb nicht in einem einzigen Beruf, den ich nur früh genug finden muss. Vielleicht zeigt sie sich für eine Weile in einer Aufgabe, bis ich an ihr gewachsen bin und eine neue Heldenreise beginnen kann. Später kann aus dem Helden ein Guide werden, der seinem früheren Ich und anderen auf einem ähnlichen Stück des Weges hilft.

Dann muss ich Arbeit und Leben nicht mehr künstlich gegeneinander verteidigen. Meine Arbeit kann ein Ausdruck dessen werden, was ich lernen, lösen und beitragen möchte. Kreative Pausen sind dann nicht das Gegenteil von Produktivität. Sie gehören zu einem Leben, in dem Wahrnehmung, Entwicklung und wirtschaftlicher Nutzen einander nähren können.

Damit kehre ich zur Kundenfrage zurück.

Vielleicht sind hunderttausend kleine Kunden richtig. Vielleicht ist es ein großer. Die Zahl allein kann es mir nicht sagen. Sie wird erst sinnvoll, wenn ich weiß, welches Leben, welche Fähigkeiten und welche Art von Beitrag durch dieses Modell möglich werden.

Die größere Frage lautet deshalb nicht: Wie gewinne ich mehr Kunden?

Sie lautet: Welches Leben bringt mich in eine Strömung, in der meine Energie nicht nur verbraucht, sondern von der Wirklichkeit aufgenommen und verstärkt wird?