Als ich von der Alpenüberquerung wieder nach Hause gekommen bin, bin ich natürlich direkt wieder in mein Training eingestiegen. Ich habe nicht einen Tag Pause gemacht.
Das hat meinem Rücken gar nicht gefallen und das hat mich dazu gezwungen, einen Gang zurückzuschalten.
Er war so verspannt, dass ich Probleme hatte zu gehen und auch das Krafttraining war nicht möglich. Interessanterweise konnte ich aber schwimmen und Fahrradfahren.
Ich habe mir also eines Morgens überlegt, anstatt mich zu einem schmerzhaften Spaziergang zu zwingen, 1 Stunde locker Fahrrad zu fahren.
Ich hatte kein Ziel und bin einfach losgefahren. Irgendwie bin ich auf dem Weserradweg gelandet und bin einfach immer weitergefahren.
Ich hatte Sportklamotten an und nur mein Handy, einen Rucksack und eine Fahrradpumpe dabei.
Am Anfang habe ich gedacht, dass ich bei der nächsten Brücke zurückfahre. Ich habe mich aber dazu entschlossen, einfach weiterzufahren.
Ich habe mir vorgestellt, wie cool es wäre bis zum Ende des Weges zu fahren.
Die Orte sind an mit vorbeigezogen und ich wollte immer weiterfahren.
Als ich in Rinteln angekommen bin, habe ich mir Verpflegung gekauft und habe mich dann auf den Weg nach Hameln gemacht.
Zwischendurch habe ich immer mal wieder Pausen gemacht und konnte einfach sein. Ich habe mich nicht gehetzt gefühlt und bin zur Ruhe gekommen.
Das Wetter war super und ich habe mich frei gefühlt. Es gab keinen Zwang und keine Kontrolle. Ich hatte kein Ziel und bin einfach nur gefahren. Das hat sich unglaublich gut angefühlt.
Gegen Mittag bin ich dann in Hameln angekommen.
Ich habe mir ein Hotel genommen und musste erst mal Klamotten, eine Zahnbürste, ein Ladegerät und so weiter kaufen.
Ich habe mir die Stadt angeguckt und in einem Restaurant Mittag gegessen.
Dieses kleine Abenteuer hat mir gut gefallen. Einfach mal rauszukommen, etwas Neues zu sehen und zu erleben. Vor allem das Spontane und Planlose hat mir gutgetan. Ich wusste morgens nicht, wo ich abends sein werde.
Ich habe alles spontan entschieden und gemerkt, dass ich immer irgendwie klarkomme. Auch wenn ich nichts bei mir hatte, konnte ich unterwegs alles einkaufen, was ich gebraucht habe. Ich war froh, dass ich einen Rucksack mitgenommen habe.
Am nächsten Morgen habe ich gut gefrühstückt und bin dann wieder nach Hause gefahren.
Der Tag stand in sehr starken Kontrast zu meinem sonstigen Leben, dass er von Kontrolle und festen Strukturen geprägt ist.
Dort auszubrechen hat mir sehr gutgetan.
Ich bin also am nächsten Wochenende wieder Fahrrad gefahren.
Ich habe mir überlegt, dass es besser ist, eine Rundtour zu machen, bei der ich zu Hause schlafen kann. Ich habe also einen großen Kreis um Minden gedreht. Es war aber deutlich windiger und die Strecke war nicht so schön. Es hat mir insgesamt nicht so gut gefallen.
Ich bin zwar auf neuen Wegen gefahren, kannte aber schon alles, was ich gesehen habe.
Ich bin einem vorgegebenen Weg gefolgt. Ich habe mir vorher eine Strecke rausgesucht und wollte die auch abfahren.
Das Gefühl der Freiheit hat sich nicht ergeben.
Am nächsten Wochenende bin ich also wieder losgefahren. Diesmal auf dem Weserradweg nach Norden.
Ich war etwas besser vorbereitet, hatte aber wie beim letzten Mal kein konkretes Ziel. Ich bin einfach losgefahren. Ich habe auch nicht auf die Karte geguckt, sondern bin einfach den Schildern gefolgt.
Tagsüber habe ich mich in Supermärkten versorgt und abends bin ich essen gegangen.
Ich bin noch mal deutlich weitergefahren und dieses Mal abends mit dem Zug nach Hause gefahren.
Ich habe viele schöne Orte entdeckt und bin zur Ruhe gekommen. Die Sorgen sind von mir abgefallen und ich habe mich ein bisschen so gefühlt wie bei der Alpenüberquerung. Meine einzige Aufgabe war Fahrrad zu fahren. Ich musste mich um nichts anderes kümmern. Das war sehr angenehm.
Es hat sich immer noch gut und spannend angefühlt. Es war aber nicht mehr so wie am ersten Wochenende.
Nachdem ich es dreimal gemacht habe, habe ich das Fahrradfahren mit in meine Routine aufgenommen. Plötzlich war es kein spontanes Abenteuer mehr, sondern ich musste es machen und musste auch mindestens eine bestimmte Anzahl an Kilometern erreichen. Die verbrauchten Kalorien waren jetzt fest eingeplant.
Die Lockerheit ist verschwunden und ich habe sie durch Kontrolle und Zwang ersetzt.
Die Fahrten haben mir immer weniger Spaß gemacht. Ich habe immer mehr die Kontrolle übernommen und mir so die Freude daran geraubt.
Das Gefühl der Leichtigkeit und Freiheit ist völlig verschwunden. Ich habe etwas genommen, was mir wirklich Freude bereitet hat, habe es immer weiter analysiert und optimiert, in meinen Ablauf integriert und so den Spaß daran verloren.
Ich habe mir selbst das genommen, was mir Freude an der Aktivität bereitet hat. Die Spontanität und nicht zu wissen, wo es hingeht, war völlig weg. Ich habe versucht Systeme zu schaffen, um Abwechslung vorzutäuschen. Ich habe mir überlegt verschiedene Routen fahren zu können. Das aber in regelmäßigen Abständen. Damit ich immer auf meine Kilometer und Zeiten komme. Damit ich mir das Essen gehen verdiene.
Ich habe feste Pausenzeiten eingeführt und auch meine Ernährung angepasst.
Dadurch ist das Gefühl, einfach nur zu fahren, weil es Spaß gemacht hat, zu essen, wenn ich hungrig gewesen bin und Pausen zu machen, wenn ich das Gefühl hatte, eine zu brauchen, verschwunden.
Durch diese Entwicklung ist mir klar geworden, dass ich das mit allem mache.
Ich konnte wahrnehmen, wie ich von Woche zu Woche weniger Freude an den Fahrten hatte, weil sie immer mehr geplant waren. Es war immer mehr etwas, das ich tun musste anstatt es zu wollen.
Meine Pläne sind immer größer geworden, die Touren immer länger. Frei nach dem Motto viel hilft viel und mehr ist immer besser.
Ich habe mich nicht mehr treiben lassen und bin meinem Gefühl gefolgt, sondern hatte feste Ideen und Ziele, die ich erreichen musste. Ich habe mich selbst eingeschränkt. Von den unendlichen Möglichkeiten sind am Ende nur noch wenige übrig geblieben. Ich war nicht mehr so flexibel. Ich hatte nicht mehr das Gefühl, dass mir die Welt offensteht, sondern, dass ich es machen muss.
Ich wollte die Erfahrung der ersten Fahrt erzwingen.
Wie ein Junkie, der verzweifelt immer dem High von seinem ersten Fix hinterherrennt.
Mir ist durch die Fahrten auch klar geworden, dass ich gewisse Aspekte meiner Persönlichkeit unterdrücke. Ich habe Angst, was passiert, wenn ich sie rauslasse. Deshalb halte ich sie lieber komplett unter Verschluss.
Dadurch, dass ich sie unterdrücke, übertreiben Sie es auch, wenn ich Ihnen ein bisschen Raum gebe. Das bestärkt mich darin, sie gar nicht erst rauszulassen.
Ich habe öfter ein Mittagsbuffet im Restaurant gegessen und es völlig übertrieben.
Ich habe nicht aufgehört zu essen, bis es mir wirklich schlecht ging.
Mit der Zeit habe ich zwar gelernt es nicht so zu übertreiben. Trotzdem hat das dazu geführt, dass ich mir Sorgen um mein Gewicht gemacht habe. Ich musste also eine gewisse Anzahl an Kalorien verbrennen, um das viele Essen im Restaurant auszugleichen.
Dadurch hatte ich das Gefühl, die Kontrolle übernehmen zu müssen. Mich nicht einfach treiben lassen zu können.
Das hat aber dazu geführt, dass ich umso mehr in den Restaurants essen wollte, ein Teufelskreis.
Vielleicht gelingt es mir alle Aspekte meiner Persönlichkeit auszuleben, wenn ich akzeptiere, dass sie es am Anfang übertreiben. Wenn sie aber merken, dass sie nicht mehr unterdrückt werden und nicht alles auf eine Karte setzen, müssen, nicht mehr so übertreiben und sich anpassen.
So dass es eine Balance zwischen allen Aspekt meiner Persönlichkeit gibt und nicht eine, die überhand gewinnt und alle anderen unterdrückt.
Das führt nur dazu, dass ich in Extreme verfalle und in einer Art Yo-Yo Effekt festhänge.
ich habe versucht, Freiheit und Lockerheit zu erzwingen. Ich habe das versucht, was ich mit allem mache.
Das funktioniert aber nicht in allen Bereichen. Vor allem aber habe ich es wieder übertrieben.
Ich opfere Schönheit, Genuss, Spontanität, Freiheit, Abenteuer auf dem Altar der Effizienz.
Wahrscheinlich bin ich so festgefahren, dass ich das Bedürfnis danach gar nicht mehr wahrnehme und es mich völlig überwältigt, wenn es sich zufällig ergibt.
Ich jage dem Gefühl dann hinterher und übertreibe es. Das bestärkt mein Bedürfnis nach Kontrolle, Struktur und Zwang.
Ich beweise mir selbst, dass ich damit nicht umgehen kann und „verantwortungslos“ handle.
Ich fühle mich in den Momenten wie ein anderer Mensch. Als hätte ein Fremder die Kontrolle über meinen Körper übernommen und ich frage mich hinterher, wie es dazu kommen konnte.
Ein bisschen wie in einem Traum.
Wie ein dressiertes Tier, das plötzlich nicht mehr auf die Befehle hört und seinen Instinkten folgt.
Ich mache immer wieder dasselbe und hoffe, dass es dieses Mal anders ausgeht. Meine Gefühle und Bedürfnisse zu unterdrücken ist nur eine sehr kurzfristige Lösung.
Ich brauche eine neue Strategie.
Ich weiß aber nicht welche und ich traue mich auch noch nicht etwas anderes auszuprobieren. Ich habe das Gefühl, dass zu viel auf dem Spiel steht.
Ich möchte nicht verlieren, was ich mir aufgebaut habe. Ich habe Angst, dass alles zusammenbricht, ich die Kontrolle verliere und es völlig eskaliert.
Ich kann aber so viel mehr gewinnen und meine Ziele vielleicht einfacher erreichen.
Ich habe gelernt, dass ich es übertreibe, sobald ich mir auch nur eine klitzekleine Möglichkeit dazu gebe. Sobald die Tür einen Spalt offen ist, nutze ich es aus und rutsche ab.
Ich habe Angst es irgendwann nicht mehr aufhalten zu können und halte die Tür deshalb verschlossen.
Ich möchte einen besseren Weg finden meine Bedürfnisse zu erfüllen als Kontrolle und Zwang.
Ich möchte alle Aspekte meiner Persönlichkeit integrieren und nicht mehr unterdrücken.