Gehen
Ich hatte wieder starke Schmerzen in der Hüfte und das Gefühl, dass ein Nerv eingeklemmt ist.
Als ich aufgewacht bin, habe ich mich gefühlt, als wäre ich vom LKW überfahren worden. Ich hatte Erkältungssymptome, keine Energie, Kopfschmerzen und habe mich grundsätzlich unwohl gefühlt. Als hätte mein Körper den Not-Aus-Schalter betätigt.
Oft reicht es aus, eine bestimmte Haltung einzunehmen oder mich zu dehnen, bis es einmal poppt. Und dann ist es besser. Die Übungen und Bewegungen, die ich normalerweise in dieser Situation mache, haben aber keine Besserung gebracht.
Ich habe festgestellt, dass ich mein linkes Bein kaum seitlich bewegen kann. Irgendwann habe ich festgestellt, dass die Innenseite meines rechten Oberschenkels verspannt war, was normalerweise nicht der Fall ist.
Als ich die Stelle gedehnt habe, kam es zu dem ersehnten Geräusch, und ich habe mich schlagartig besser gefühlt. Alle Symptome sind verschwunden. Selbst die Nase war wieder frei.
Das ist so verrückt. Wenn es mir nicht selbst schon so oft passiert wäre, würde ich es nicht glauben. Von einem Moment auf den anderen ändert sich alles.
Ich vermute, dass sich das Becken verschoben hat und dadurch ein Nerv eingeklemmt war.
Durch das Dehnen ist das Becken wieder in die ursprüngliche Position gesprungen und der Druck auf den Nerv ist verschwunden.
Ich bin schon lange dabei, meine Hüftbeuger zu dehnen. Ich habe dort die Ursache ausgemacht, dass ich in den letzten Monaten immer wieder Probleme hatte.
Ich habe einiges ausprobiert und ein paar Versuche haben auch anfangs geholfen. Es ist aber immer wieder zu den gleichen Problemen gekommen. Es war also nur ein Symptom und nicht die wahre Ursache.
Mir ist dann irgendwann eingefallen, dass ich nicht rund gehe. Es ist abgehakt und laut, überhaupt nicht geschmeidig.
Bei der Musterung hat mir der Arzt offenbart, dass ich Plattfüße habe. Das war der einzige Grund, warum ich nicht T1 gemustert wurde, was mich etwas gestört hat. Wahrscheinlich weiß ich es deshalb noch
Ein paar Jahre später habe ich mich auf einem Video laufen gesehen und war schockiert, dass ich überhaupt vorankomme.
Es hat grundsätzlich alles funktioniert und deshalb habe ich habe mir keine weiteren Gedanken darüber gemacht.
Noch ein paar Jahre später habe ich beim Spazierengehen, einen alten Freund getroffen. Sein erster Kommentar war, dass er meinen Gang überall sofort wieder erkennen würde.
Diese Hinweise und mehr, die zu der Zeit nicht relevant erschienen, sind mir wieder eingefallen.
Ich habe dann herausgefunden, wie ein normaler Gang funktioniert und wie es aussehen sollte. Ich mache es komplett falsch.
Ich nutze die Zehen nicht und rolle deswegen nicht ab. Jeder Schritt ist ein Schlag für das Bein.
Weil in unserem Körper alles zusammenhängt, hat sich mein Gang von den Zehen, zum Knöchel, über das Knie, in die Hüfte und auch bis in den Nacken hochgezogen.
Das Fundament war wackelig und so sich musste der gesamte Körper anpassen.
Das wird dann dazu geführt haben, dass die Fehlhaltung immer schlimmer geworden ist.
Jeder Schritt hat es die Fehlhaltung verstärkt und dadurch das richtige gehen schwieriger gemacht.
Ich habe also angefangen zu üben, richtig zu gehen.
Das war besonders am Anfang schwierig und ungewohnt. Ich musste mich voll darauf konzentrieren und konnte nichts anderes machen.
Ich kann jetzt nachvollziehen, wie sich ein Baby fühlt, das die ersten Schritte macht.
Es war unfassbar schwer.
Wenn ich versucht habe, alle Bewegungen zu kontrollieren, ist es schiefgegangen. Es ist einfach zu viel.
Ich habe mich dann nur auf die Zehenwippe konzentriert. Dadurch haben sich dann die anderen Bewegungen mit der Zeit und sehr viel Übung auch angepasst.
Das Schöne ist, dass ich so kostenlos eine Meditation bei jedem Spaziergang dazu bekommen habe.
Ich musste mich so sehr auf die Bewegung konzentrieren, dass ich an nichts anderes gedacht habe.
Es hat mir auch gezeigt, wie mächtig unser Körper ist, dass wir einfach so gehen können, ohne darüber nachzudenken und nebenbei noch andere Dinge machen können.
Als ich bewusst auf meine Zehen geachtet habe, habe ich die Bewegung auch parallel in meinen Knöcheln und Fingern gespürt. Sie haben sich mitbewegt.
Das war spannend und interessant.
Das Gehen hat sich viel besser angefühlt. Ich habe aber noch überall Verkürzungen und Verhärtung bemerkt. Ganz rund ist es noch lange nicht. Ich sehe aber einen großen Fortschritt.
Ich habe jetzt einen Weg vorwärts. Etwas, woran ich arbeiten kann und mit jedem Schritt etwas Gutes für meinen Körper tue.
Nach einiger Zeit hat sich auch eine Blockade in meinem Rücken gelöst und plötzlich hat sich auch das Becken und der untere Rücken wieder bewegt.
Vorher war es immer steif. Wahrscheinlich eine Schutzhaltung gegen die harten Schläge beim Auftreten und nicht richtig abrollen.
Es hat sich fast wie tanzen angefühlt. Viel natürlicher und angenehmer.
Das Ziel ist jetzt so viel wie möglich richtig zu gehen und dadurch weitere Blockaden zu lösen, Beweglichkeit zu schaffen und Muskeln aufzubauen.
Jeder Schritt ist jetzt ein Investment in meinen Körper. Die Vorstellung gefällt mir sehr gut.
Mein Körper gibt mir auch direktes Feedback. Je richtiger ich gehe, umso besser fühlt es sich an.
Ich finde es sehr spannend, die Zusammenhänge zu sehen.
Durch falsches Gehen werden nicht die richtigen Muskeln aktiviert und sie verkümmern. Dadurch wird es immer schwieriger, den richtigen Bewegungsablauf einzuhalten.
Wenn wir es aber umdrehen, werden genau diese Muskeln gestärkt. Das verbessert dann das ganze System und wir starten einen sich selbst verbessernden Prozess.
Plattfüße hängen mit einem schwachen Gesäßmuskel zusammen. Wenn wir unseren Hintern anspannen, rotieren unsere Knie ein bisschen nach außen und dadurch hebt sich der Fuß.
Durch zu viel sitzen passt sich unser Körper an die Haltung an und die Hüftbeuger werden verkürzt. Dadurch melden sie eher eine höhere Aktivität. Der Gesäßmuskel ist der Gegenspieler. Wenn einer von beiden aktiv ist, wird die Aktivität im anderen runtergefahren.
So wird der Gesäßmuskel immer weniger genutzt und schwächer. Der Po ist aber ein entscheidender Muskel für unseren aufrechten Gang.
Das bedeutet im Umkehrschluss aber auch, wenn wir richtig gehen, wird der Hintern trainiert und dadurch gekräftigt. Dadurch gehen wir dann besser.
Auf diese Weise funktioniert alles in unserem Körper.
Wenn wir ihn richtig benutzen, stärkt sich das System von selbst.
Wir müssen uns dann nicht mehr aktiv darum bemühen, sondern es funktioniert von ganz allein.
Am Anfang müssen wir Zeit und Energie investieren. Wir starten aber eine Aufwärtsspirale, die sich selbst verstärkt.
Wie mit einem Baum, den wir pflanzen und uns die ersten Jahre um ihn kümmern müssen. Das wird aber immer weniger und der Baum kümmert sich um uns, indem er uns mit Obst oder Nüssen versorgt.
Ich finde diese Systeme und Zusammenhänge unglaublich faszinierend. Es ist ein absolutes Wunderwerk der Natur.
Ich habe aber auch gemerkt, wie wichtig es ist zu wissen, wie unser Körper funktioniert und wie wir ihn benutzen.
Wenn ich nicht mal die absoluten Grundlagen richtig mache und nicht weiß, wie sie funktionieren, macht alles, was darauf aufbaut noch mehr Probleme, obwohl es eigentlich Dinge sind, die uns guttun sollten.
Mir ist klar geworden, wie wichtig die Grundlagen sind und trotzdem bringt uns keiner bei, wie sie funktioniert.
Wir nehmen sie für gegeben hin und denken, dass wir es nicht falsch machen können, schließlich machen wir es schon unser Leben lang. Wir machen und keine Gedanken darum. Dabei ist es das Wichtigste, was wir tun.
Alles baut darauf auf.
Ich hatte ein ähnliches Erlebnis, als ich erfahren habe, wie wir richtig atmen.
Auch ein Punkt, von dem wir ausgehen sollten, dass wir wissen, wie es funktioniert. Sehr viele von uns machen es aber nicht richtig, was zu weiteren Problemen führt.
Wir versuchen dann die Symptome zu behandeln und verschlimmern Situationen immer weiter.
Weil alles zusammenhängt, müssen wir an die Grundlagen. Wir müssen am Anfang der Kette beginnen. Alles andere funktioniert nicht.
Auf einem soliden Fundament starten. Ansonsten bauen wir auf Sand.
Der Weg zur Meisterschaft führt nur über die Grundlagen. Je besser wird darin sind, umso besser wird das Ergebnis.
Wir alle wollen lieber die coolen, aufregenden Dinge tun. Es sind aber die langweiligen Tätigkeiten, die den Erfolg bringen.
Sie sollten die höchste Priorität bekommen. Nicht das, was beeindruckend wirkt.
An den Grundlagen führt keinen Weg vorbei.
Wenn wir wissen, wie unser Körper funktioniert und entsprechend handeln, vermeiden wir wahrscheinlich einen Großteil der Probleme, die wir aktuell haben.