Wir verzichten, ohne unsere Lebensgrundlagen zu bewahren. Wir verbrauchen, ohne den Überfluss wirklich zu genießen. Wir investieren zu wenig in die Zukunft, um sie verlässlich aufzubauen, und opfern zugleich genug Gegenwart, dass kaum jemand mit dem Ergebnis zufrieden ist.
Es wirkt, als stünden wir mit einem Fuß auf dem Gas und mit dem anderen auf der Bremse.
Vielleicht liegt unsere Unzufriedenheit deshalb nicht nur darin, dass wir die falschen Dinge tun. Vielleicht versuchen wir, zwei einander widersprechende Ziele gleichzeitig zu verfolgen. Wir möchten unsere natürlichen Lebensgrundlagen erhalten und sie weiter verzehren. Wir wünschen uns langfristige Sicherheit und belohnen kurzfristige Ergebnisse. Wir wissen, wie viel Kooperation ermöglichen könnte, und bauen weiterhin Systeme, in denen es sich oft lohnt, gegeneinander zu arbeiten.
Jede einzelne Entscheidung kann darin vernünftig erscheinen. Zusammen führen sie trotzdem in eine Zwickmühle. Ein großer Teil unserer Energie fließt nicht in die eine oder andere Richtung, sondern in den Widerstand zwischen beiden.
Das lässt die Lage wie eine Gabelung erscheinen.
Auf der einen Seite stehen Systeme, die ihre eigenen Grundlagen verbrauchen. Auf der anderen stehen Systeme, die ihre Fähigkeit vermehren, auch in Zukunft Leben hervorzubringen. Dazwischen liegt der Versuch, von beiden Richtungen etwas mitzunehmen. Doch womöglich erhalten wir gerade dadurch vor allem die Nachteile von beiden.
Eine Entscheidung für das Aufblühen des Lebens klingt zunächst nach einem moralischen Bekenntnis. Nach Verzicht, guten Vorsätzen und der Forderung, dass endlich alle dasselbe wollen sollen. Aber das würde das bestehende Problem nur auf einer neuen Ebene wiederholen. Sobald Menschen gezwungen werden müssen, entsteht neuer Widerstand. Energie fließt dann in Kontrolle, Abwehr und Konflikt, statt in das gemeinsame Ziel.
Ein System, das das Leben unterstützt, müsste auch die Freiheit seiner Teile unterstützen. Menschen müssten ihm beitreten wollen, weil sie in ihrem eigenen Leben erfahren, dass es besser funktioniert.
Damit verändert sich die Frage. Nicht mehr: Wie bringen wir alle Menschen dazu, sich auf dasselbe Ideal zu einigen? Sondern: Wie gestalten wir ein System, in dem das, was dem Einzelnen ein erfüllteres Leben ermöglicht, zugleich dem Ganzen dient?
Eine mögliche Antwort liegt im Gleichgewicht. Damit ist keine Ruhe gemeint und kein Zustand, in dem nichts mehr geschieht. Das Bild ähnelt eher einem Lagrange-Punkt: Kräfte verschwinden nicht, aber sie sind so ausbalanciert, dass sie sich nicht gegenseitig von der Bewegung zum Ziel abhalten. Die verfügbare Energie kann in die eigentliche Aufgabe fließen.
Auch in unserem Leben kennen wir solche Momente. Die Wirklichkeit zeigt uns eine konkrete Aufgabe. Wir erkennen sie, können handeln und müssen unsere Kraft nicht länger zwischen zwanzig widersprüchlichen Impulsen verteilen. Das Problem ist noch da. Vielleicht ist es sogar schwierig. Doch es entsteht eine eigentümliche Zufriedenheit, weil die Lücke zwischen dem, was ist, und dem, was als Nächstes möglich wäre, kleiner wird.
Unzufriedenheit wäre dann nicht bloß ein Gefühl, das beseitigt werden soll. Sie wäre ein Signal für Reibung: zwischen Wahrnehmung und Wirklichkeit, zwischen mehreren Zielen oder zwischen einer Aufgabe und den Bedingungen, unter denen wir sie lösen sollen.
Was für einen Menschen gilt, könnte auch für größere Systeme gelten. Ein Unternehmen verliert Energie, wenn es gleichzeitig kurzfristigen Gewinn maximieren und langfristig investieren will, ohne zu entscheiden, wie beides zusammengehört. Eine Gesellschaft verliert Energie, wenn ihre Mitglieder zum Gemeinwohl beitragen sollen, während ihre Strukturen persönlichen Nachteil daraus entstehen lassen. Die Menschheit verliert Energie, wenn sie das Leben erhalten möchte und ihren Erfolg zugleich daran misst, wie schnell sie dessen Grundlagen verbraucht.
Das Ziel wäre deshalb nicht, jede Spannung aus der Welt zu entfernen. Entwicklung braucht Unterschiede, Herausforderungen und Bewegung. Entscheidend ist, ob diese Kräfte auf ein gemeinsames Ziel wirken können oder sich gegenseitig blockieren.
Hier wird das Holon-Prinzip wichtig. Ein Holon ist zugleich ein eigenständiges Ganzes und Teil eines größeren Ganzen. Ein Mensch verfolgt eigene Ziele und ist Teil einer Gemeinschaft. Eine Gemeinschaft entwickelt ihre eigenen Fähigkeiten und ist Teil der Menschheit. Die Menschheit wiederum lebt nicht außerhalb der Natur, sondern innerhalb eines Planeten, dessen Bedingungen ihr eigenes Handeln erst ermöglichen.
Ein tragfähiges System darf die Entwicklung seiner Teile daher nicht dem Ganzen opfern. Ebenso wenig kann es das Ganze dauerhaft für den Vorteil einzelner Teile verzehren. Es muss beides miteinander verbinden.
Wenn Menschen ihre Fähigkeiten entfalten und ein erfülltes Leben führen können, wächst ihre Möglichkeit, etwas beizutragen. Wenn ihre Beiträge die Fähigkeiten des größeren Ganzen stärken, kann dieses bessere Bedingungen schaffen: sauberes Wasser, Nahrung, Schutz, Bildung, Gesundheit und den Freiraum für neue Versuche. Diese Bedingungen ermöglichen wiederum mehr Menschen, ihre Fähigkeiten zu entwickeln und an Lösungen mitzuwirken.
So entsteht keine Verteilung eines festen Kuchens. Es entsteht eine Rückkopplungsschleife:
Der Einzelne wächst und stärkt das Ganze. Das Ganze wächst und verbessert die Bedingungen des Einzelnen.
Das Ganze wird mehr als die Summe seiner Teile, gerade weil seine Teile nicht kleiner gemacht werden müssen.
Eine gemeinsame Zielfunktion wäre dann auch kein detaillierter Plan für acht Milliarden Menschen. Sie würde nicht vorschreiben, welche Aufgabe jeder Einzelne zu übernehmen hat. Sie wäre ein Maßstab für die Gestaltung unserer Systeme:
Reduziert eine Veränderung dauerhaft Reibung und erhöht sie dadurch die Fähigkeit des Systems, seine Energie auf seine eigentliche Aufgabe zu richten? Hilft sie den Teilen, sich zu entwickeln, während diese Entwicklung zugleich das Ganze stärkt? Vermehrt das Leben damit seine Fähigkeit, weiteres Leben zu ermöglichen?
Solche Fragen liefern nicht automatisch eine einzige richtige Antwort. Aber sie könnten widersprüchliche Ziele sichtbar machen. Sie könnten uns zeigen, warum manche gut gemeinten Lösungen Widerstand erzeugen und warum andere sich fast von selbst verbreiten: weil Menschen unmittelbar erleben, dass mehr von ihrer Energie für das übrig bleibt, was ihnen wichtig ist.
Vielleicht müssen wir also nicht darauf warten, dass sich die gesamte Menschheit in einem großen Moment entscheidet. Die Gabelung taucht bereits in jeder Gestaltung eines Systems auf.
Wir können Strukturen bauen, in denen der Vorteil des einen den Verlust des anderen voraussetzt. Dann werden wir weiter Energie darauf verwenden, gegeneinander anzukämpfen und die Folgen auszugleichen. Oder wir bauen Systeme, denen Menschen freiwillig beitreten, weil ihr eigenes Aufblühen darin zur Kraft für das größere Ganze wird.
Die Entscheidung an der Gabelung ist dann weniger ein Bekenntnis als eine fortlaufende Aufgabe. Immer wieder können wir prüfen, wohin unsere Energie fließt: in Reibung zwischen unvereinbaren Zielen oder in ein Gleichgewicht, aus dem der nächste gemeinsame Schritt entstehen kann.