Wenn mich jemand fragte, zu wem ich aufsehe, nannte ich oft Kobe Bryant.
Mich beeindruckte seine außergewöhnliche Arbeitsethik. Während andere schliefen, trainierte er. Während er bereits zu den Besten gehörte, arbeitete er weiter. Sein ganzes Leben schien auf Basketball ausgerichtet zu sein.
Ich hielt das für Exzellenz: sich ein Ziel setzen, alles andere unterordnen und härter arbeiten als alle anderen.
Inzwischen frage ich mich, ob ich an ihm etwas anderes bewundert habe.
Dieselbe Qualität in völlig verschiedenen Leben
Diese Frage entstand nicht beim Basketball. Sie entstand, als ich über Menschen nachdachte, deren Blogs und Bücher ich gerne lese.
Tynan lebt nach seinen eigenen Regeln und schreibt über das, was er dabei erlebt. Derek Sivers trifft Entscheidungen nach Maßstäben, die nicht immer gesellschaftlichen Erwartungen entsprechen. Ihre Texte wirken nicht wie die Kulisse eines Verkaufsprozesses. Sie scheinen aus ihrem Leben hervorzugehen.
Ihre Lebensentwürfe haben wenig mit dem von Kobe Bryant gemeinsam. Trotzdem spricht mich an ihnen etwas Ähnliches an.
Sie scheinen genau hinzusehen, was ihnen entspricht, und richten ihr Leben danach aus. Sie bauen keine interessante Persona. Sie leben, probieren aus, lernen und teilen anschließend ihre Erfahrung. Das Publikum sitzt nicht am Steuer.
Vielleicht bewundere ich also nicht zuerst außergewöhnliche Leistung. Vielleicht bewundere ich Menschen, bei denen Denken, Leben und Handeln ungewöhnlich stark zusammenpassen.
Wir nennen das oft Authentizität.
Authentizität ist kein festes Ich
Authentizität klingt schnell nach der Suche nach einem unveränderlichen wahren Ich. Als müssten wir nur entdecken, wer wir wirklich sind, und könnten anschließend für immer danach leben.
Doch wir verändern uns. Unsere Fähigkeiten wachsen. Energie, Bedürfnisse und Beziehungen verändern sich. Auch unsere Umwelt bleibt nicht stehen.
Authentisch zu leben kann deshalb nicht bedeuten, immer dasselbe zu tun. Es bedeutet, die Signale des eigenen Systems und seiner Umwelt möglichst unverzerrt wahrzunehmen und das Handeln immer wieder daran anzupassen.
Auf einer allgemeineren Ebene nenne ich diesen Zustand dynamisches Gleichgewicht.
Kräfte hören dabei nicht auf zu wirken. Sie richten sich so aus, dass möglichst wenig Energie in unnötiger Reibung verloren geht. Beim Menschen wird daraus eine besondere Form von Übereinstimmung: Was ich wahrnehme, was ich für richtig halte und wie ich tatsächlich lebe, driften nicht ständig auseinander.
Authentizität ist dann kein Bekenntnis zu einem fertigen Selbst. Sie ist Gleichgewicht auf der Ebene eines Menschen.
Wenn fremde Leben zu Schablonen werden
Diese Unterscheidung verändert, was wir von außergewöhnlichen Menschen lernen können.
Von außen sehen wir Kobe Bryant früh am Morgen trainieren. Wir sehen Disziplin, Wiederholung und Härte. Es liegt nahe, sein sichtbares Verhalten zu kopieren: früher aufstehen, länger arbeiten, weniger nachgeben.
Doch dieselbe Routine kann in einem anderen Leben etwas völlig anderes bewirken.
Für den einen ist sie der natürliche Ausdruck einer starken inneren Ausrichtung. Für den anderen wird sie zum täglichen Kampf gegen die eigenen Signale. Er kopiert das Verhalten eines fremden Gleichgewichts und wundert sich, warum es bei ihm nur Druck erzeugt.
Das bedeutet nicht, dass ein stimmiges Leben immer leicht ist. Eine schwierige Aufgabe kann uns fordern und trotzdem passen. Entwicklung braucht die Spannung zwischen unserer gegenwärtigen Fähigkeit und einer Herausforderung, an der sie wachsen kann.
Entscheidend ist die Art des Widerstands.
Eine gute Spannung bindet unsere Kapazität an eine wirkliche Aufgabe und vergrößert sie. Unnötige Reibung verbraucht dieselbe Kapazität im Kampf gegen verzerrte Wahrnehmung, widersprüchliche Ziele oder ein Leben, das vor allem den Erwartungen anderer folgt.
Von außen können beide Formen nach Anstrengung aussehen. Von innen sind sie grundverschieden.
Exzellenz als Folge
Im Flow lässt sich dieser Unterschied unmittelbar erleben.
Die Aufgabe ist anspruchsvoll, aber sie passt zu unserer Fähigkeit. Aufmerksamkeit, Handeln und Rückmeldung greifen ineinander. Wir arbeiten nicht mühelos, weil nichts von uns verlangt wird. Es wird nur ungewöhnlich wenig Kraft dafür gebraucht, uns selbst zur Arbeit zu zwingen oder gegen sie festzuhalten.
Wenn wir diesen beweglichen Punkt immer öfter finden, entsteht mit der Zeit eine Spirale.
Wir setzen unsere Fähigkeiten dort ein, wo sie gebraucht werden. Wir erhalten Rückmeldung. Wir lernen. Unsere Wahrnehmung wird genauer und unsere Kapazität größer. Dadurch werden komplexere Herausforderungen zugänglich, an denen wir ein neues Gleichgewicht finden können.
Exzellenz wäre dann nicht das Ziel, dem wir unser Leben unterwerfen müssen. Sie wäre das, was von außen sichtbar wird, wenn ein Mensch lange genug immer wieder in diese Ausrichtung findet.
Das erklärt auch, warum sich Exzellenz so unterschiedlich zeigen kann. Sie kann wie extremes Basketballtraining aussehen. Wie ein ungewöhnliches Unternehmen. Wie ein minimalistisches Leben oder ein Blog, der ohne künstliche Positionierung über Jahre eine unverwechselbare Perspektive entwickelt.
Nicht jeder authentische Mensch wird zwangsläufig berühmt oder wirtschaftlich erfolgreich. Dafür wirken zu viele Kräfte, die niemand kontrolliert. Aber wer die Wirklichkeit klarer wahrnimmt und seine verfügbare Energie immer seltener in inneren Widersprüchen verliert, schafft bessere Bedingungen für Lernen, Wirksamkeit und außergewöhnlich gute Arbeit.
Was ich heute sehe
Ich bewundere Kobe Bryant noch immer. Aber ich sehe inzwischen etwas anderes, wenn ich an ihn denke.
Früher sah ich einen Menschen, dessen Arbeitsethik Exzellenz hervorgebracht hat. Heute frage ich mich, ob diese Arbeitsethik selbst schon das sichtbare Zeichen einer außergewöhnlichen Ausrichtung war.
Vielleicht lautet die wichtigste Frage deshalb nicht: Wie kann ich mich dazu bringen, genauso hart zu arbeiten?
Sondern: Wie kann ich die Wirklichkeit und mich selbst so klar wahrnehmen, dass meine Kraft nicht länger dafür gebraucht wird, ein fremdes Leben zu führen?
Wenn daraus über lange Zeit Flow, Erfolg oder Exzellenz entstehen, sind sie keine Masken, die ich mir erarbeitet habe. Sie sind die Spur eines Lebens, das immer genauer zu sich selbst findet.