Ich saß im Coworking Space beim Essen. Neben mir lag ein Venture-Capital-Magazin.
Ich betrachtete die Titelseite und sah plötzlich einen Affen im Anzug vor mir.
Das Bild war nicht abwertend gemeint. Eher entlarvend. Der Anzug, das Magazin, die Fachbegriffe und Milliardenbewertungen wirkten für einen Moment wie eine raffinierte Verkleidung. Unter ihr erkannte ich ein Wesen, das einem sehr alten Antrieb folgt: Ressourcen sammeln, Sicherheit gewinnen, den eigenen Status verbessern.
Unsere Werkzeuge sind immer komplexer geworden. Aber wissen wir deshalb besser, was wir tun?
Venture Capital ist nicht das eigentliche Problem. Geld auch nicht. Beides sind Werkzeuge innerhalb eines Spiels, das einmal eine wichtige Aufgabe erfüllt hat. Über lange Zeit war materieller Mangel die bestimmende Erfahrung. Es fehlte an Nahrung, Schutz, Medizin und Möglichkeiten. Ein System, das Menschen dafür belohnt, mehr davon zu produzieren, war eine erstaunlich wirksame Antwort.
In vielen Teilen der Welt haben wir damit etwas geschafft, das lange unmöglich schien: Wir können genug herstellen.
Doch wir spielen weiter, als wäre die alte Aufgabe unverändert.
Damit ein Spiel der Knappheit weiterlaufen kann, braucht es Knappheit. Wo sie materiell nicht mehr alles bestimmt, halten wir sie mitunter künstlich aufrecht. Wir vergleichen, beschleunigen und optimieren. Wir finden immer raffiniertere Wege, Geld zu verdienen, und behandeln die Regeln dabei, als seien sie naturgegeben.
Vielleicht verwechseln wir gerade zwei Sätze:
Es ist so.
Es muss so sein.
Unternehmen, Märkte und Geld sind keine Naturgesetze. Sie sind Vereinbarungen. Das macht sie nicht wertlos. Aber es bedeutet, dass wir sie verändern können, wenn sie nicht mehr auf die Probleme antworten, die unser Leben bestimmen.
Denn der Mangel ist nicht verschwunden. Er hat sich verschoben.
Vielen Menschen fehlt heute nicht zuerst ein weiteres Produkt. Ihnen fehlen Bedeutung, Zugehörigkeit, Orientierung und eine spirituelle Verbindung zu etwas, das größer ist als sie selbst. Wir haben gelernt, immer effizienter Dinge herzustellen. Aber wir wissen oft nicht mehr, wofür.
Die meisten von uns arbeiten, weil sie Geld brauchen. Wenn diese Notwendigkeit morgen verschwände, würden viele vermutlich zunächst gar nichts tun. Wir würden schlafen, spielen, reisen und nachholen, was lange zu kurz gekommen ist.
Aber wahrscheinlich bliebe es nicht dabei.
Nach einer Weile würde auch unbegrenzte Freizeit leer werden. Wir würden wieder etwas lernen, erschaffen und beitragen wollen. Wir würden uns fragen, was wir gut können, welche Probleme wir selbst kennen und welche unserer Lösungen auch anderen helfen könnten.
Wir würden weiterhin Statusspiele spielen. Vielleicht können Menschen gar nicht anders. Die entscheidende Frage ist dann nicht, ob wir Status abschaffen. Sie lautet: Worauf richtet sich unser Wettbewerb?
Ein Spiel kann Menschen vor allem dafür belohnen, Kapital zu vermehren. Es kann Anerkennung aber auch stärker daran binden, Lebensqualität zu verbessern, Einsamkeit zu verringern oder das Universum besser zu verstehen. Unser Wunsch nach Status verschwindet dadurch nicht. Doch er könnte zum Antrieb für einen Beitrag werden, statt selbst das letzte Ziel zu bleiben.
Wie könnte ein solches Spiel entstehen?
Wahrscheinlich nicht durch einen perfekten Entwurf.
Entwicklung verläuft in Zyklen. Wir machen viele Experimente. Die meisten scheitern. Einige funktionieren. Was funktioniert, wiederholen wir, bis es stabil wird. Dann beginnt der nächste Zyklus von einem etwas besseren Ausgangspunkt.
Variation, Auswahl, Wiederholung, Stabilisierung, neue Variation.
Evolution – nicht nur biologisch verstanden, sondern als allgemeines Muster von Entwicklung.
Vielleicht brauchen wir deshalb nicht sofort das eine neue System. Vielleicht brauchen wir Räume, in denen wir andere Spiele ausprobieren können. Spiele, die nicht künstliche Knappheit verwalten, sondern menschliche Entwicklung ermöglichen. Ihre Qualität würde sich nicht daran zeigen, wie überzeugend wir über sie sprechen, sondern daran, ob sie in der Realität bestehen und das Leben tatsächlich verbessern.
Viele saubere Wiederholungen.
Ich denke wieder an den Affen im Anzug auf dem Magazin. Inzwischen sehe ich in ihm nicht nur die Absurdität des alten Spiels. Ich sehe auch ein Wesen, das erstaunlich gut darin ist, Regeln zu lernen, Werkzeuge zu bauen und gemeinsam Probleme zu lösen.
Vielleicht müssen wir nicht aufhören zu spielen.
Vielleicht ist es Zeit, gemeinsam ein Spiel zu entwickeln, das die Probleme löst, die wir heute wirklich haben.