Zusammenführen
Ich möchte in einer Welt leben, in der wir alles optimieren und automatisieren. Unsere Aufgabe sollte sein, uns selbst überflüssig zu machen.
Ich möchte alles automatisieren, damit wir mehr Zeit für das Wesentliche haben. Mir war aber nie wirklich klar, was das eigentlich bedeutet. Es klingt sinnvoll. Es ist aber auch ein sehr vager Begriff. Es kann alles und nichts bedeuten.
Ich war in meiner Jugend immer unter Menschen und quasi nie allein. Bei mir zuhause war der Treffpunkt für meinen Freundeskreis. Es war ein Kommen und Gehen. Die Tür stand immer offen und es war fast wie ein öffentlicher Platz.
Das hat in der Grundschule angefangen und sich bis ins Erwachsenenalter durchgezogen. Bei mir war immer der Platz, an dem wir uns getroffen haben. Bei mir zuhause war der Dreh- und Angelpunkt.
(Teilweise waren sogar Freunde bei mir, wenn ich nicht da war.)
Wir waren immer unterwegs und haben ständig etwas unternommen.
Ich kannte überall irgendwen und konnte stundenlang mit jedem über alles reden.
Ich war vielleicht nicht der Mittelpunkt der Party, aber ich war auf jeder Party.
Das hat sich mit dem Studium geändert.
In Gießen habe ich das erste Mal gemerkt, dass ich nur ein Lebensabschnittsbegleiter bin. Es waren Freundschaften auf Zeit und die "echten" Freunde waren immer wichtiger als die aus dem Studium.
Das habe ich vorher nicht gekannt. Bei uns war immer klar, dass wir etwas zusammen unternehmen und wenn wir etwas geplant haben, haben wir das auch gemacht. Es ist nichts dazwischengekommen. Wir haben uns getroffen und uns dann überlegt, was wir machen wollen. Es ging darum zusammen zu sein.
Beim Uni Sport habe ich sofort reingepasst. Es war fast wie zuhause und anders als mit den Kommilitonen. Ich habe mich direkt wohlgefühlt und war unter meinen Leuten.
In Halle hatte ich das erste Mal in meinem Leben Probleme Anschluss zu finden. Ich hatte nichts, worüber ich mit meinen Kommilitonen reden konnte. Selbst beim Handball, habe ich eine Distanz gespürt.
Die Menschen habe mich gemocht, ich hatte aber Schwierigkeiten mich darauf einzulassen.
Ich bin jedes Wochenende zum Handballspielen nach Hause gefahren. In Halle bin ich nur so lange geblieben, wie ich unbedingt musste und bin teilweise schon am Donnerstag wieder nach Hause gefahren.
Auch dort hatte ich Leute, mit denen ich feiern gegangen bin, ich habe aber keine echte Verbindung gespürt. Es war eher Mittel zum Zweck.
Ich habe mich dort nicht wohlgefühlt.
Ich habe mir zum Ende des Studiums das Ziel gesetzt so schnell wie möglich finanziell unabhängig zu werden. Damit ich wieder tun kann, was ich möchte. Um mehr Zeit für die wichtigen Dinge im Leben zu haben, was auch immer das bedeutet.
Es ist genauso ein vages Wort, das sich zwar großartig anhört, wie das Wesentliche, aber nichts aussagt.
Was ist das Wichtige oder das Wesentliche und wie tue ich es?
Ich habe mich immer weiter zurückgezogen und mich in Richtung Maschine bewegt. Es ging nur noch um Leistung und Effizienz.
Ich bin von einem Extrem ins andere gegangen, wie schon so oft.
Ich habe mich nach dem gesehnt, was ich in der Jugend hatte. Absoluter Zusammenhalt, Vertrauen und Unterstützung. Es war mehr als nur eine Handballmannschaft. Wir haben unser Leben geteilt. Wir konnten uns voll aufeinander verlassen.
Die Gruppe hat sich aber durch Studium und Arbeit aufgelöst und wir haben immer weniger Zeit miteinander verbracht.
Ich habe gedacht, wenn ich nicht mehr arbeiten muss, kann ich wieder so etwas erschaffen. Dann habe ich wieder Zeit und bin frei, genau, wie damals.
Ich habe letztes Jahr einen Ressourcenbaum gezeichnet. Die Wurzeln stehen für die Vergangenheit, der Stamm für die Gegenwart und die Krone für die Zukunft.
Die Vergangenheit war voller Leben, Gemeinschaft und Begeisterung.
Der Stamm war leer, trist und emotionslos.
Die Krone war wieder voller Hoffnung und Freude.
Interessanterweise haben auch die Farben und die Struktur des Baumes sehr gut dazu gepasst. Die Wurzeln und die Krone waren bunt und ausladend. Sie waren voller Worte und Ideen.
Der Stamm war schwarz und schmaler mit wenigen emotionslosen, kalten Worten.
Der Kontrast Leben und Tod passt vielleicht ganz gut dazu. Tod im Sinne von Maschinen, leblos, nicht sterben.
Ich hatte in den letzten Jahren immer mal wieder das Gefühl, dass ich die beiden Anteile in mir verbinden möchte. Immer wenn es mir etwas gelungen ist, habe ich mich sehr gut gefühlt. Ich habe mich mehr wie ich selbst gefühlt. Zufrieden und irgendwie "ganz", "vollständig" oder "komplett".
Als ich das geschrieben habe, ist mir das Buch eingefallen, dass ich gerade höre. Dort geht es darum Leben und Tod miteinander zu verbinden. Schöpfung und Verwüstung. Aus den beiden Kräften entsteht Chaos. Ein Element, dass in der Welt eigentlich nicht verfügbar ist. Durch die Einzigartigkeit des Protagonisten ist er der Einzige, der es erzeugen kann.
Er hat zwei Klassen. Er ist Mensch und Untoter. Er kann zwischen ihnen hin und her wechseln und entwickelt jede Seite unabhängig. Sein Ziel ist aber beide zu vereinen.
Es ist schon interessant, dass ich es gerade jetzt höre.
Ich sehe eine meiner größten Stärken darin Abläufe zu optimieren und effiziente Prozesse zu schaffen. Mir zu überlegen, wie ich etwas automatisieren kann. Es macht mir unglaubliche Freude auch nur kleine Verbesserungen bei einem Vorgang zu erzielen. Ich mache das schon mein Leben lang. Spätestens, wenn ich etwas zum zweiten Mal mache, überlege ich mir, wie es besser gehen könnte. Ich suche nach einem Weg die Aufgabe zu eliminieren oder zu automatisieren.
Gleichzeitig bin ich aber auch sehr empathisch und sensibel. Ich bin vertrauensvoll und gebe Menschen das Gefühl, dass sie bei mir sie selbst sein können. Sie fühlen sich bei mir gesehen und sicher.
Ich versuche das zu geben, was ich mir wünsche.
Ich glaube ich bin gerade dabei das Wesentliche für mich zu finden.
Die Kombination von meinen beiden Seiten und gleichzeitig einen Weg in eine voll automatisierte Welt, in der es ein Vorteil und eine Stärke ist menschlich zu sein.
Anstatt von einem Extrem ins andere zu gehen, möchte ich so viel von beidem, wie möglich. Ich möchte eine Balance finden.