Geschichten

23.11.2025 - 4 min

Ich merke immer deutlicher, wie sehr mein Leben von Geschichten geprägt wird – von solchen, die ich mir selbst erzähle, und von denen, die von der Gesellschaft kommen.

Es sind die Glaubenssätze, die ich aufgenommen habe, und die Werte, die daraus entstanden sind.

Sie sind wie eine Leinwand, durch die wir das Bild unseres Lebens begrenzen.

Wie Fische, die das Wasser nicht wirklich wahrnehmen, sind wir blind für diese Geschichten, weil wir sie so tief verinnerlicht haben. Alles um uns herum beruht auf diesen Narrativen.

Geschichten reisen durch uns hindurch, von Generation zu Generation – von Eltern, Lehrern, Freunden, vielleicht seit Anbeginn der Menschheit.

Einige halten uns fest, andere formen uns.

Die Kunst liegt darin, jene zu erkennen, die uns nicht mehr dienen, sie loszulassen und die Reihe zu beenden.

Wenn wir das tun, schenken wir Freiheit – uns selbst und allen, die mit uns in Kontakt treten. Denn jede Geschichte, die wir unbewusst aufnehmen, wird irgendwann Teil von uns.

Je öfter wir etwas hören, desto stärker prägt es uns. Irgendwann glauben wir daran, und es geht uns ins Blut über.

Weil wir die Geschichten so verinnerlicht haben, nehmen wir sie für Wahrheiten. Wir sehen sie als gegeben an und treffen daraufhin Entscheidungen – obwohl sie vielleicht auf Sand gebaut sind.

Wir können das nicht erkennen, solange wir nicht hinter den Vorhang schauen – was unglaublich schwierig ist.

Unser Gehirn filtert die meisten Signale der Umwelt heraus und gibt nur das weiter, was uns wichtig erscheint. So sehen wir das, was wir glauben, und bestätigen unsere Glaubenssätze. Wir verfestigen unsere Persönlichkeit.

Solange wir am Leben teilnehmen und immer wieder mit denselben Ideen konfrontiert werden, ist es fast unmöglich, ein objektives Bild der Realität zu gewinnen.

Deshalb ist es so wichtig, Zeit mit uns selbst zu verbringen, in der Natur zu sein und auch mal Langeweile auszuhalten. Wir erhalten dann eine kurze Pause der Indoktrinierung. Wir können durchatmen und die Geschichten hinterfragen.

Das bedeutet aber nicht, dass alle Geschichten schlecht sind. Sie erleichtern uns das Leben und geben Orientierung. Jede Geschichte hat ihren Grund und ihre Nützlichkeit. Das Problem beginnt, wenn wir vergessen, dass es nur Geschichten sind und sie mit der Wahrheit verwechseln.

Dann werden sie zum Dogma, zur Ideologie. Wir fahren uns fest und wehren uns gegen Veränderung.

Wenn uns klar ist, dass Geschichten Hilfsmittel sind, sind wir ihnen nicht ausgeliefert. Wir schauen hinter den Vorhang.

Wir werden von der Figur in der Geschichte zum Erzähler. Wir nehmen den Stift in die Hand und übernehmen Verantwortung für unser Leben.

Wir können je nach Kontext und Lebenssituation eine passende Geschichte auswählen.

Alles dreht sich um Authentizität. Wenn wir wissen, wer wir sind, können wir bewusst in unterschiedliche Rollen schlüpfen. Wir wissen, dass wir in einer Geschichte spielen.

Wir können Geschichten nutzen, um neue Aspekte von uns selbst kennenzulernen – als Abenteuer, als Heldenreise.

So entwickeln wir uns weiter, formen unseren Charakter und werden nach und nach zu neuen Personen.

Wir entdecken, dass uns andere Geschichten interessieren. Dinge, die früher wichtig waren, sind es jetzt nicht mehr oder stören sogar. Dafür entdecken wir neue Dinge, die uns begeistern, und an denen wir arbeiten dürfen.

Die Geschichten müssen nicht gegeneinander kämpfen. Aus der Sicht des Autors können sie nebeneinander bestehen.

Wir können zwei oder mehr völlig unterschiedliche Bücher schreiben – Sachbücher, Romane – ohne dass sie etwas miteinander zu tun haben.

Wir können wählen, was sich gerade richtig anfühlt. Wir müssen uns nicht für das eine oder andere entscheiden, sondern können alles machen. Vielleicht nicht gleichzeitig, aber genau dann, wann es richtig ist.

Wir haben eine Bibliothek voller Geschichten, in die wir eintauchen dürfen, wann immer wir wollen. Jede ist eine neue Erfahrung und deckt einen anderen Teil von uns auf.

Wenn wir uns ihr hingeben, spüren wir: Es gibt kein richtig oder falsch. Es gibt nur das Leben, das wir selbst gestalten, die Abenteuer, die wir wagen, die Spuren, die wir hinterlassen.

Wir sind Erzähler, Abenteurer, Leser – alles zugleich. Jede Geschichte öffnet ein Fenster zu unserer Tiefe, jede Erfahrung ist ein Schritt auf unserem eigenen Weg.

Und dann stehen wir mitten in dieser Bibliothek und fühlen es: Wir sind frei. Frei zu wählen, zu schreiben, zu leben. Frei, immer wieder neu zu beginnen, immer wieder neue Geschichten zu entdecken, in jedem Moment der Autor unseres eigenen Lebens zu sein – mit dem Stift in der Hand und der Bibliothek voller Möglichkeiten vor uns.

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