Blinder Fleck

27.03.2025 - 5 min

Vor ein paar Wochen hat sich eine Frau darüber beklagt, dass es ihr seit Jahren nicht gelingt abzunehmen, obwohl sie alles richtig macht. Sie konnte es einfach nicht verstehen.

Nach vielem hin und her ist dann herausgekommen, dass sie den Süßigkeiten im Aufenthaltsraum auf der Arbeit nicht widerstehen kann. Sie bringt sich zwar ihren eigenen Nachtisch mit, isst ihn aber zusätzlich zu dem, den es in der Kantine gibt.

Ich glaube den meisten war sehr schnell klar, dass das Rätsel nicht so kompliziert war. Ihr war es aber wirklich nicht klar. Erst als sie direkt darauf angesprochen wurde, hat es ihr langsam gedämmert. Sie konnte es nicht sehen, auch wenn es für alle anderen so offensichtlich war.

Ich frage mich seit dem, welche offensichtlichen Dinge ich in meinem Leben übersehe und nicht verstehe, warum etwas nicht funktioniert.

Ich hatte gestern so ein ähnliches Erlebnis bei einem Gespräch mit einem Freund. Dabei sind Themen zur Sprache gekommen, die mir nicht so gut gefallen haben. Ich habe mich bedroht gefühlt und sofort abwehrend reagiert.

Nach dem Telefonat war ich total durcheinander und es hat mich heruntergezogen. Als ich mich den Gefühlen gestellt habe, ist mir dabei sehr warm geworden. Ich bin sogar leicht ins Schwitzen gekommen. Etwas hat in mir gebrodelt.

Nach einiger Zeit in diesem Zustand hatte ich den Eindruck, als wäre eine Illusion geplatzt und ich konnte die Dinge wieder klarer sehen. Die Welt sah anders aus. Ich habe einen blinden Fleck entlarvt und konnte dadurch eine andere Perspektive einnehmen. Ich habe mit neuen Augen auf die Situation geschaut.

Ich habe erkannt, dass ich mich als Opfer gesehen habe. Ich habe nach Schuldigen gesucht und welche gefunden. Ich habe ein komplettes Narrativ erschaffen und mich immer weiter hineingesteigert.

Ich habe auf dieser fiktiven Grundlage Entscheidungen getroffen und gehandelt.

Ich habe einen Ausweg gesehen und alles daran gesetzt ihn zu erreichen. Ich habe es immer mehr erzwungen und immer mehr Druck ausgeübt, um zu entkommen. Ich weiß nicht mal genau wovor ich weggelaufen bin.

Ich konnte nichts anderes mehr wahrnehmen. Ich war wie in einem Wahn, in einem Panikmodus.

Ich habe mich gefragt, was in mich geraten ist.

Seit ein paar Wochen habe ich das Bild im Kopf, dass die Lösung direkt neben mir liegt, ich sie aber nicht sehen kann, weil ich so schnell laufe und überall sonst gucke. Ich habe keine Zeit mir die Lösung neben mir anzusehen, weil ich so beschäftigt bin nach der Lösung zu suchen.

Mit meinem Fokus auf meinen Ausweg, bin ich immer weiter von ihr weggelaufen und die Panik ist immer größer geworden. Ich habe mich immer weiter hineingesteigert.

Ich hatte das Gefühl den Ausweg immer dringender zu brauchen und mehr Energie hineingesteckt. Es sollte am liebsten alles sofort passieren. Ich wollte es erzwingen.

Während des Gesprächs mit meinem Freund hatte ich den Eindruck, dass der Ausweg in Gefahr ist und habe mich dagegen gewehrt. Ich war wie versessen darauf.

Ich weiß nicht mal so genau, wieso ich ihn so dringend gebraucht habe.

Nachdem die Illusion geplatzt ist, habe ich mich erleichtert gefühlt. Ich war wieder offen für neue Ideen und habe die Dinge nicht mehr so persönlich genommen.

Trotzdem hinterlässt die Erfahrung einen faden Beigeschnack in mir. Wie viele Entscheidungen treffe ich wirklich, weil ich es möchte und nicht, weil ich mir etwas einbilde.

Wir sehen alle nur einen Teil der Realität.

Ein anderer Freund hat die unterschiedlichen Perspektiven mit speziell trainierten künstlichen Intelligenzen verglichen. Sie können nur das wahrnehmen, worauf sie spezialisiert sind.

Wenn wir nur einen Hammer haben, sieht alles aus, wie ein Nagel.

Diese Erfahrung hat mir gezeigt, wie wichtig es ist ein Problem aus möglichst viele Blickwinkeln zu betrachten. Wir übersehen sonst schnell etwas und drehen uns im Kreis.

Wir wundern uns, was es nicht funktioniert und können es uns nicht erklären.

Wir sind gut darin die Schuld bei anderen oder unseren Umständen zu suchen. Wir wollen das Bild, das wir von uns selbst haben nicht gefährden. Wir kreieren unsere eigene Realität und betrachten die Welt durch diese Linse.

Ich hatte schon öfter das Gefühl, dass ich so schnell renne, wie ich kann, aber nicht von der Stelle komme. Ich kann aber nicht erkennen, dass ich in einem Hamsterrad unterwegs bin.

Wir müssen uns immer mal wieder umsehen und etwas Abstand gewinnen. Dinge aus einem neuen Blickwinkel betrachten und neue Erfahrungen machen.

Nur so können wir unsere eingeschränkte Weltsicht aufbohren.

Es gibt ein Gleichnis bei dem sechs blinde versuchen Herauszufinden, was ein Elefant ist. Sie stehen alle an unterschiedlichen Stellen und haben dadurch einen völlig unterschiedlichen Eindruck von einem Elefanten.

Alle haben einen Teil der Wahrheit, aber keine kennt die ganze.

Nur wenn wir die Blickwinkel von allen vereinen, bekommen wir ein klares Bild.

Was ist dein Traum? Wie kann ich helfen?