Der General
Als ich die mein Mittagessen vorbereitet habe, habe ich gemerkt, wie sehr mich die Hektik überkommt. Es hat alles zu lange gedauert. Es musste schneller gehen. Ich habe völlig die Ruhe verloren. Ich hatte überhaupt keine Zeit mehr. Der Druck ist immer weiter gestiegen.
Ich habe dann erkannt, dass der General wieder das Steuer übernehmen möchte.
Dass ich es so früh erkannt habe, ist sehr gut. Darüber habe ich mich gefreut.
Ich habe mich gefragt, woher er kommt. Warum habe ich ihn erschaffen? Was ist seine Mission?
In meiner Schulzeit bin ich das Leben ziemlich locker angegangen. Es lief alles glatt ohne, dass ich mich sonderlich anstrengen musste.
Meine Noten waren ganz gut. Wahrscheinlich hätte ich mit etwas mehr Aufwand auf ein Einser-Schüler werden können.
Ich war fit und beim Handball einer der Leistungsträger. Ich hätte wahrscheinlich höher spielen können, wenn ich mich mehr angesträngt hätte.
Ich hatte das Potenzial mehr zu erreichen, habe den Sinn darin aber nicht gesehen. Ich habe so viel gemacht, wie nötig war, damit es weiter geht.
Mein Ziel war es glücklich zu sein und es mit so wenig Aufwand wie nötig aufrecht zu erhalten.
Ein kluges Pferd springt nur so hoch, wie es muss.
Es hat mir auch gereicht. Warum soll ich mich anstrengen, wenn ich jetzt schon alles habe, was ich möchte? Alle Bereiche meines Lebens liefen rund und ich war zufrieden.
Ich frage mich, ob es wirklich so war oder ob ich Angst hatte an meine Grenzen zu gehen und wirklich herauszufinden, wozu ich fähig bin.
Dann hätte ich vielleicht herausgefunden, dass ich gar nicht so schlau oder talentiert bin. Dann hätte ich es ganz genau gewusst. Ich wäre nicht mehr der Typ, der alles erreichen kann.
Wenn ich es nicht versuche, besteht die Gefahr nicht.
Ich wollte das Bild, das ich und andere von mir hatten, nicht gefährden.
Ich wollte den Eindruck vermitteln, dass mir alles leichtfällt und ich mich nicht mal anstrengen muss. Bloß keine Anzeichen in diese Richtung zeigen.
Ich habe also angefangen außerhalb des Trainings mehr zu trainieren. Aber auch dabei hatte ich dasselbe Problem. Die Ergebnisse waren auch hier nicht das, was ich bei dem Zeitaufwand erwartet hätte.
Alles nur, weil ich nicht alles gegeben habe. Ich habe mit den Übungen aufgehört, als es anstrengend geworden ist. Ich habe auf die Wiederholungen verzichtet, die zählen. Die den Unterschied machen.
Ich wollte meine Komfortzone nicht verlassen.
Ich habe immer wieder gemerkt, dass ich andere brauche, die mich herausfordern. Die mir zeigen, dass ich eigentlich viel mehr kann. Dass ich mich selbst zurückhalte.
Ich habe meine Rekorde erreicht, die deutlich über dem lagen, was ich erwartet hatte, wenn mich andere dazu getrieben haben. Dann habe ich gesehen, wozu ich wirklich fähig war.
Ich stelle mir aber die Frage, warum ich mich anstrengen sollte, wenn es auch so reicht zum Leben reicht. Ich war in einer guten Position und der Ausblick ebenfalls.
Auf der anderen Seite möchte ich aber mehr. Ich möchte aufblühen. Ich möchte mein Potenzial erreichen. Sehen wozu ich fähig bin.
Ich weiß aber nicht, was das konkret bedeutet.
Mir fehlt der Grund, warum ich es tue. Der Sinn. Ich weiß nicht wie. Mir fehlt das Ziel.
Ohne Ziel haben wir nichts, worauf wir unsere Energie verwenden können. Sie verpufft dann einfach und wir kommen nicht von der Stelle, egal wie sehr wir uns auch anstrengen.
Ich habe oft versucht anderen nachzueifern, nur um zu merken, dass es mir den Aufwand nicht wert ist. Es begeistert mich nur kurz und dann verliere ich das Interesse.
Ich laufe den Idealen von anderen hinterher, weil ich nicht weiß, was meins ist. Daran ist grundsätzlich auch nichts auszusetzen. So finden wir irgendwann heraus, was uns begeistert.
Ich vertraue mir aber selbst nicht mehr. Ich war mir so oft sicher, dass ich es gefunden habe, nur um kurz danach festzustellen, dass es doch nicht das richtige war.
Ich habe eine ziemlich genaue Idee, wie ich mir mein Leben vorstelle. Ich bin mir aber nicht sicher, ob ich das wirklich möchte oder ob ich es wieder nur irgendwo aufgeschnappt habe und mir einrede, dass ich es möchte.
Die Lösung ist es im Kleinen auszuprobieren. Immer wieder. Der Weg ist das Ziel. Ich sammle so neue Erfahrungen und lerne mich selbst besser kennen. Auch wenn es nur für eine kurze Zeit Spaß macht, war es nicht sinnlos. Ich habe es nicht falsch gemacht, nur weil es mir doch nicht so sehr gefallen hat, wie gedacht.
Ich bin sehr gut darin Abläufe zu optimieren und Wege zu finden Arbeitsschritte zu vereinfachen oder zu automatisieren. Ich sehe Abläufe, die wir immer wieder machen müssen als Problem an. Genauso wie Entscheidungen, die immer wieder getroffen werden müssen.
Alles, was sich wiederholt. Alles, was Energieaufwand benötigt, nur um auf dem gleichen Stand zu bleiben.
"Manuel labor is a bug".
Ich möchte mich selbst in jedem Prozess überflüssig machen. Das treibt mich an. Ich investiere sehr viel Energie, um das zu erreichen und freue mich über den kleinsten Fortschritt. Jeder Handgriff, den ich nicht mehr machen muss, ist ein Gewinn.
Maschinen sollen sich um die Versorgung und Instandhaltung kümmern.
Ich möchte Systeme schaffen, die sich selbst verbessern und gleichzeitig etwas Nützliches produzieren.
Der Heilige Gral ist ein ETF-Depot. Es wächst von allein, schüttet Dividenden aus und wächst schneller, je mehr Energie (Geld) wir einsetzen.
Es gibt keine Abfallprodukte. Es ist digital und wir brauchen keine physischen Dinge. Es nimmt keinen Platz weg. Es kann beliebig groß werden.
Vor allem aber löst unser Geldproblem nachhaltig und abschließend, sobald es groß genug ist.
Aber selbst auf dem Weg dahin unterstützt es uns immer stärker. Wir haben immer mehr Möglichkeiten auch schon bevor wir finanziell unabhängig sind.
Wir müssen nicht warten, bis wir fertig sind, bis wir davon profitieren.
Das Stellare-System von Tony Seba und James Arbib kommt dem schon recht nahe. Ich bin begeistert von der Idee und den Möglichkeiten.
Sie haben die Extraktion als Ursache für unsere Probleme ausgemacht. Wir müssen immer mehr Treibstoff in das System geben, damit es weiterwachsen kann.
Das Stellare-System braucht nur eine Anfangsinvestition und sorgt dann selbst für die Verbesserung und das Fortbestehen.
Es wird ein Überschuss produziert, durch den das möglich ist.
Das ist etwas, was mich wirklich inspiriert. Echte Lösungen schaffen, die alles verbessern und keine Nebenwirkungen haben. Die ganzheitlich funktionieren. Bei denen wir uns nicht für eine Sache gegen alles andere entscheiden müssen.
Gleichzeitig bin ich auch sehr empathisch und gebe anderen einen sicheren Raum, in dem sie sie selbst sein können. Ich mag tiefgründige Gespräche.
Ich brauche ein kreatives Ventil, um meine Gedanken zu verarbeiten.
Ich möchte diese Dinge einsetzen und so mir uns anderen helfen.
Sobald ich mich anstrengen muss, hieße das ja, dass ich nicht gut genug bin. Das durfte auf keinen Fall passieren.
Meine Noten sind mit der Zeit etwas schlechter geworden. Beim Handball haben mich andere überholt. Ich war aber immer noch auf einem recht hohen Level.
Ich habe an meinem Bild festgehalten und mir eingeredet, dass es nicht so ist. Ich habe die Schuld bei anderen gesucht.
Ich habe mich einfach nicht getraut der Wahrheit ins Auge zu blicken. Was wäre, wenn ich gar nicht so schlau bin? Wenn ich gar kein so guter Handballer bin?
Lieber so weitermachen wie bisher und die Illusion, dass ich Gas geben könnte, wenn ich wollte, aufrechterhalten.
Ich habe mich nicht mehr mit anderen gemessen und jeden Wettbewerb vermieden oder bewusst nicht alles gegeben. Ich hatte Angst zu versagen. Ich habe mich immer mehr zurückgezogen und Ausreden gefunden, warum etwas nicht funktioniert hat.
Auf der einen Seite wollte ich dazugehören und normal sein. Auf der anderen hatte ich das Bedürfnis mehr sein zu müssen.
Wenn ich nur gut genug bin, bleibe ich relevant und werde gebraucht. Wenn ich beweise, was ich alles kann und wie großartig ich bin.
Ich habe auf meinen Durchbruch gewartet. Ich habe ihn immer weiter in die Zukunft geschoben. Irgendwann wird es schon passieren. Doch die Zeit ist immer knapper geworden.
Ich habe zwar das meiste erreicht, was ich mir vorgenommen habe, aber auch nicht mehr. Ich habe eine Aufgabe nach der anderen abgehakt. Alles gemacht, was ein braver Junge so tut.
Ich habe mich immer mehr in Serien und Computerspiele geflüchtet. Dort war ich der Held und habe mein Potenzial genutzt. Ich konnte alles erreichen.
Als sich dann das geführte Leben mit dem Studium dem Ende geneigt hat, habe ich mir überlegt, wie ich leben möchte.
Ich habe mir das Leben von älteren Menschen in meiner Umgebung angeguckt und mich gefragt, ob ich so leben möchte.
Ich bin recht schnell zu dem Schluss gekommen, dass das nicht der Fall ist. Ich wollte mehr, brauchte mehr. Ich wollte nicht normal sein. Ich wollte herausstechen. Etwas außergewöhnliches sein. Meinem Potenzial gerecht werden. Ich wollte es allen zeigen.
Wahrscheinlich will ich das immer noch.
Das hätte ich aber mit meiner Einstellung aber nicht geschafft. Wenn ich so weitergemacht hätte, hätte ich das gleiche Leben geführt, wie alle anderen. Dann wäre ich nichts Besonderes mehr gewesen.
Nur der Typ mit Potenzial, der es niemals genutzt hat. Seine Chance verschwendet.
Nicht die Welt gerettet und noch nicht mal den Verein in eine neue Glanzzeit geführt.
Durchschnittlich. Normal. Mit all seinen Möglichkeiten - erbärmlich. Was für eine Verschwendung.
Ich war neidisch auf Menschen, die in ihrem Leben viel geschafft haben. Besonders, wenn sie davon erzählt haben, hoch Handball gespielt zu haben.
Ich war und bin fasziniert von Menschen mit extremer Arbeitsmoral, wie Kobe Bryant. Menschen die die Spitze ihres Feldes erreicht haben. Die ersten und die letzten in der Sporthalle.
Die alles aus sich herausholen. Die als Vorbild für andere dienen. Die immer Vollgas geben.
Die etwas gefunden haben, dass ihnen so wichtig ist, dass sie ihr ganzes Leben darauf ausrichten.
Etwas, dass sie dazu bringt, immer mehr zu wollen. Sich absolut sicher zu sein und alles auf eine Karte zu setzen. Alles dafür zu geben.
Ein klares Ziel zu haben. Einen Fokus für unsere Energie.
Kobe Bryant hat einen Kurzfilm darüber produziert: "Dear Basketball". Der spricht mich sehr an.
Ich rede mit ein, dass das die Lösung ist. Es würde alles so viel einfacher machen. Genau zu wissen, was ich möchte und mein ganzes Leben darauf auszurichten.
Ich bin bereit.
Ich habe alle Möglichkeiten und muss mich nur entscheiden.
Ich kann mich zumindest kurzfristig für fast alles begeistern. Wie soll ich so herausfinden, was ich tun soll?
Es ist aber zu viel. Ich weiß nicht, was ich möchte. Ich möchte alles, gleichzeitig. Meine Energie ist dadurch aber zerstreut und ich bekomme nicht das, was ich mir wünsche.
Ich möchte mich nicht gegen etwas entscheiden. Ich habe Angst, dass es das Falsche ist. Das sich herausstellt, dass es sich nicht lohnt meine Energie zu investieren.
Ich hoffe auf den ganz großen Wurf.
Das Gras wirkt auf der anderen Seite immer grüner. Ist es wirklich so schlimm nicht die eine Leidenschaft zu haben?
Ich habe immer davon geträumt ein Profisportler zu werden. Ich habe mir eingeredet, dass es passiert wäre, wenn ich in Amerika aufgewachsen wäre. Dort hätte ich eine entsprechende Förderung bekommen und die richtige Umgebung um mich gehabt.
Eine Umgebung, die mich fordert und in der ich nicht mit dem geringsten Aufwand durchgekommen. Höhere Standards und Erwartungen. Mehr Druck. Gezwungen zu sein, alles zu geben. Mitgezogen zu werden.
Diese Umgebung hätte dazu geführt, dass ich meinen Hintern hochbekommen hätte und alles gegeben hätte. Schließlich ist es normal. Alle um mich herum hätten das gleiche getan. Ich wäre in guter Gesellschaft gewesen. Es gäbe nichts anderes. Nichts das mich ablenken könnte.
Ich habe es wieder auf die äußeren Umstände geschoben, anstatt bei mir anzufangen.
Wenn ich in den Spiegel geblickt hätte, wäre das Bild zerbrochen und ich hätte die Fassade nicht aufrechterhalten können.
Ich wusste auch nicht wirklich, was ich mit meinem Leben anfangen sollte. Ich habe mir jemanden gewünscht, der mit sagt, was ich tun soll. Jemandem der mir eine Orientierung gibt.
Ich habe immer nur das gemacht, von dem ich dachte, dass es von mir erwartet wird.
Gleichzeitig habe ich die finanzielle Unabhängigkeit entdeckt. Sie verspricht, dass ich wieder zu meinem alten Leben zurückkehren kann und gleichzeitig etwas Besonderes bin.
Alle müssen arbeiten nur ich habe es geschafft viel früher als andere in Rente zu gehen. Ich wäre dann etwas besonders. Einen Grund für Anerkennung.
Aber auch hierfür muss ich zumindest für eine Zeit jemand anderes werden. Ich muss immer mehr Geld verdienen und dabei meine Ausgaben so gering wie möglich halten.
Das gelingt mir auch nicht, wenn ich nur so viel mache, wie unbedingt nötig ist.
Ich musste also besser werden.
Ich wusste aber, dass ich es nicht allein schaffe.
Ich brauchte jemanden, der mir in den Hintern tritt. Der dafür sorgt, dass ich mehr mache. Mein Potenzial nutze.
Ein Trainer, der mich fordert und mir den Weg vorgibt. Eine Umgebung, die den nötigen Druck erzeugt.
Genau das habe ich mir dann geschaffen.
So ist wohl der General entstanden. Jemand der mich dazu bringt immer mehr zu machen, auch wenn ich schon erschöpft bin. Jemand, der mich antreibt und das Ziel nie aus den Augen verliert.
Was wäre aber, wenn ich das alles gar nicht brauche? Wenn ich einfach mein Leben leben kann. Ich folge meinen Interessen und Vorlieben und lasse mich vom Universum führen.
Immer mehr zieht es mich zu Konzepten wie dem Leben im Hier und Jetzt oder Wu Wei. Die Realität annehmen. Die Kontrolle abgeben. Dem Leben vertrauen. Mich fallenlassen. Loslassen.
Ich spüre, wie viel Energie es mich kostet, ständig mit mir selbst zu kämpfen – gegen meine Gedanken, meine Zweifel, meine Gefühle. Es erschöpft mich, und ich drehe mich im Kreis.
Ich möchte das nicht mehr.
Ich will nicht länger kämpfen. Ich will fließen.